Die Erotik einer älteren Dame
Was Hannelore Elsner über Männer
sagt, mag im ersten Augenblick wie
dummes Zeug klingen. Vor allem in
den Ohren von Frauen. Aber ich
glaube, an dem, was sie sagt,
ist was dran.
Die Lüge
In einem Welt-Interview sprach die 65-jährige Schauspielerin über das Alter, über Männer, über Frauen und Erotik. Auf die Behauptung ihrer Gesprächspartnerin, „Männer lieben Frischfleisch!“, antwortet sie: „Das ist eine Lüge.“
Auf diesen knappen Satz mag so mancher sagen: „Die kann gut reden. Wenn man mit 65 so aussieht wie sie…“ Aber Hannelore Elsner hat in anderen Momenten des Interviews Gedanken von sich gegeben, die nachdenklich machen. Sie spricht über Doris Dörries Drama „Kirschblüten“. Darin spielt Elsner eine alte Frau. Sie erwähnt diese Rolle, weil sie darin mit ihrem Mann tanzt und dabei jung aussieht. „Das liegt weder am Licht,“ sagt sie, „noch an der Schminke, weil geschminkt war ich nicht.“ Aber woran liegt’s dann? „An dem, was ich in mir habe – das kommt zum Vorschein. Und das kann bei jedem zum Vorschein kommen.“
Dann fühlt sie sich “total erotisch”
Hannelore Elsner sagt, sie bestehe nicht nur aus ihrem Alter von 65 Jahren. Das Tolle am Alter sei, dass man alles in sich habe: jedes erlebte Lebensalter – auch die Jugend. Über die Erotik sagt sie, es sei nicht das Thema, „ob man mit einem Mann schläft oder nicht“. „Erotik heißt doch, sich hingeben, sich selbst zu lieben. Seinen Körper zu mögen, sich zu pflegen, meinetwegen zu pflegen wie andere ein Auto pflegen. Man kann auch philosophische Bücher lesen oder was weiß ich.“
Hannelore Elsner sagt, bereits wenn sie etwas Interessantes lese, fühle sie sich „total erotisch“. Und damit meint sie nicht: „Lesen gegen Sex!“ Ich denke, was Menschen wie sie spüren, ist das Gegenteil. Wer liest, schlüpft quasi gedanklich in eine fremde Welt. Ja, mehr noch: Er versucht, mit dem Gehirn eines anderen zu denken – mit dem des Autors. Das heißt, er macht sich innerlich frei von angeeigneten und übergestülpten Denkweisen, um andere, fremde Gedanken zu seinen eigenen zu machen.
Sehen allein reicht nicht
Dies passiert nicht nur beim Lesen. Verstand und Sinne öffnen Menschen auch, sobald sie aufhören, sich gegenüber Unbekanntem, Neuem, Fremdem zu verbarrikadieren. Dies zu tun, verlangt nicht, von vorn herein eigene alte Werte und Einstellungen über Bord zu werfen. Aber es verlangt, die Augen weit auf zu machen, um Fremdes nicht nur zu sehen, sondern zu betrachten.
Das Fremde kann die Auffassung eines Menschen sein, der vielleicht das Gegenteil von dem behauptet, was ich propagiere. Es kann ein Kunstwerk sein, vor dem mir spontan auf der Zunge liegt: „So ein Schwachsinn!“. Es kann eine politische Meinung sein, die nicht meine ist, ein Film, dessen Botschaft mir nicht passt oder jemand, der gesellschaftlich entgleist ist und den ich am liebsten weit im Abseits verschwinden lassen möchte. Denn wenn ich ihn genauer ansehe, blüht mir womöglich Unbequemes. Vielleicht die Ahnung, dass ich selbst noch früher als er entgleist wäre, wenn mein Leben auf seine Bahnen gestellt worden wäre.
Ein netter Hingucker. – Aber fad.
Wer wie beispielsweise Hannelore Elsner offen fürs Leben ist, den bereichert das Leben. Und dieser Reichtum wird größer und größer. So groß, dass er in den seelischen Innereien des Menschen bald nicht mehr genügend Platz hat. In einem solchen Moment bleibt dem Reichtum nichts anderes übrig, als sich nach außen zu drängen. Was dann für die Welt sichtbar wird, ist Schönheit. Aber keine, die von Models zum Maß aller Dinge erhoben wird. Es ist Schönheit durch innere Ausstrahlung. Und gegen die wirkt Frischfleisch, das sonst nichts zu bieten hat, auf den ersten Blick durchaus nett, doch dann allenfalls fad.
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Der Schönheitswahn, momentan weithin verbreitet, erscheint mir weit überzogen. Ist die Verführung so groß und allmächtig das Äußerere wie einen Panzer über faule innere Werte zu stülpen? Plangebügelte, gestraffte und zu Grinsefratzen verunstaltete Gesichter, aufgespritzte Lippen wie Autoreifen in Hochglanzmagazinen zu Tode gehungert. Sag was – wenns Spass macht?