Kennenlernen nach Stoppuhr
Es geht um die Liebesmühen junger
Singles in Zeiten des Kapitalismus.
Diese Mühen haben einen Namen:
Speed-Dating. Liebesuchende wählen
einen Partner aus, während die Uhr
demonstrativ fünf Minuten lang tickt.
Flirten unter Zeitdruck
Ein unromantisches Ritual, das Regisseur Ralf Westhoff nutzt, um einer auf Materialismus geeichten Gesellschaft vor Augen zu halten, wie sie tickt. Shoppen heißt der Film. Ein temporeiches, witziges und entlarvendes Kinovergnügen.
Eine Stuhlreihe Männer, eine Stuhlreihe Frauen. Sie sitzen sich in einem weißgetünchten Raum gegenüber. Die Stoppuhr läuft. Im Fünf-Minuten-Takt geht’s darum, sich anzupreisen, einander auszufragen, anzumachen und auch anzuschreien. „I bin a Designerstück. Haute Couture statt Wühltisch!“, erklärt der Möchtegern im Nietenhemd, und alle fühlen sich irgendwie wie Schleuderwahre beim Sommerschlussverkauf.
Achtzehn Individuen, eine Sehnsucht
In Shoppen zeigen sich 18 Darsteller als hedonistische Großstädter, die mehr vom Leben erwarten als das ständige erwartungsvolle Herumgesitze in Bistros. Sie sehnen sich nach Sex und gleichzeitig nach der großen wahren Liebe. Das gilt auch für die bildhübsche Susanna (Anna Böger). Sie hält es zwar für möglich, dass der sympathische Normalo Jens (Oliver Bürgin) irgendwann zu ihrem Traumpartner mutiert, kann sich aber ebenso wenig wie er vorstellen, dass der durchorganisierte Flirt in der steril-weißen Halle tatsächlich zur lebenslangen Beziehung führen könnte: „Stell’ dir vor, du findest hier deinen Traumpartner, und später erzählst du dann deinen Kindern an langen Winterabenden vor dem Kamin, wie du ihn kennen gelernt hast. Und dann musst du ihnen von diesem sterilen Scheißspiel hier berichten. Das ist doch peinlich. Wahrscheinlich muss man sich beim Skifahren treffen, oder an der Käsetheke, meinetwegen auch beim Hausarzt.“
Regisseur Ralf Westhoff wollte einen Film über eine Großstadt-Singlegeneration machen und zeigen, warum Speed-Dating für viele so attraktiv ist. „Als Student hat man viel Zeit, und Gelegenheit, jemanden kennenzulernen,“ sagt er im Emotion-Interview. „Später musst du frühmorgens im Büro sein und kannst nicht jeden Abend in die Kneipe.“ Speed-Dating sei im Grunde „die moderne Form des Tanzkurses. Da wechselt man auch alle paar Minuten den Partner.“
“Wir bezahlen Geld, um uns zu verlieben”
Westhoff glaubt, grundsätzlich sei es egal, ob man jemanden an der Käsetheke oder beim Speed-Dating treffe. Letzteres habe allerdings schon etwas Unangenehmes. Darum heiße sein Film Shoppen. „Wir bezahlen Geld, um uns zu verlieben.“ Um es funken zu lassen, haben die Kandidaten allerdings nur fünf Minuten Zeit. Und die können, so meint der Regisseur, „sehr lang sein, wenn man sich nichts zu sagen hat.“ Ab 3. Mai im Kino.
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