Wenn Gabriele Pauli ein Mann wäre
Ob es klug, irrsinnig,
praktikabel wäre oder gar
den Untergang des
abendländischen Wertesystems
bedeuten würde, Ehen auf
sieben Jahre zu befristen,
sei mal dahingestellt. Ich
frage mich, was passiert
wäre, wenn solch ein
Vorschlag nicht ausgerechnet
aus dem Mund der Fürther
Landrätin Gabriele Pauli
(Foto) gekommen wäre.
Auf die “Verrückte” schießen
Was hätte dieser Vorschlag wohl ins Rollen gebracht, wenn erstens Frau Pauli Herr Pauli hieße? Wenn Herr Pauli zweitens (oder besser erstens) nicht Mitglied der CSU wäre, wenn Herr Pauli beipielsweise ein renommierter, sachlich auftretender und bisher untadeliger Professor der Politikwissenschaft (möglichst im grauen Zwirn), der Theologie oder der Sozialwissenschaften wäre?
Auch dann hätten ihm/ihr nicht sämtliche Geister deutscher Provenienz zugejubelt, aber – und dessen bin ich mir sicher – selbst die Gegner eines solchen Vorschlags hätten nachgedacht. Zumindest hätten sich diese Köpfe weitaus mehr mit der Suche nach sachlichen Argumenten befasst, anstatt lediglich – wie jetzt geschehen – verbale Munition zu sammeln, um damit auf eine “Verrückte” zu schießen.
Über dem Scheiterhaufen
Wahrscheinlich bedauern so manche männlichen Kritiker, in diesem Fall nicht mal schnell mittelalterliche Verhältnisse schaffen zu können. Könnten sie’s, hätten sie’s leicht. Sie bräuchten nur zu verkünden “Die Pauli ist eine Hexe!”, und schon würde das komplette Thema über dem Scheiterhaufen gen Himmel verpuffen.
Zweifelsohne ist das Thema “Pauli” ein politisches. Aber nicht nur. Es erzählt auch etwas über Frauen und Männer. Über Frauen, die in Männerdomänen dringen und über Männer, denen das Angst bereitet. Ich behaupte, beide könnten es leichter haben, wenn sie sich auf ihrem Weg zum Ziel weniger verstellen würden – wenn sie ihr eigenes Ich stärker verkörpern würden.
So kriegt der Mann ein Problem
Männer tun dies nicht – jedenfalls in aller Regel nicht. Ihre Sozialisation und Erziehung hat ihnen eingefleischt, was unter Männlichkeit zu verstehen ist: Härte, Widerstandsfähigkeit, Wille zum Sieg, Ehrgeiz, Ellenbogenbewaffnung, Stärke, Mut, Erfolg und so weiter. Dies alles zu zeigen und zu leben entspricht aber längst nicht jedes Mannes Ich. Im Gegenteil. Ich behaupte, viele von ihnen sind von ihrem Grundkonstrukt her weicher und phlegmatischer als so manche Frau es ist. Das heißt, solche Kreaturen führen einen ziemlich heftigen täglichen Kampf gegen sich selbst.
Wenn sie sich auf die Ergebnisse dieses Kampfes besinnen, sind sie stolz auf sich. Schließlich können sie sich vor Augen führen, doch völlig anders als eine Frau zu sein, nämlich ein richtiger Kerl. Und nun stelle man sich mal folgende Situation vor: Ein solcher Mann rasselt beruflich mit einer Frau zusammen, die ihm nicht nur auf Augenhöhe begegnet. Er spürt sogar, dass diese Frau zumindest partiell mehr auf der Pfanne hat als er. Dann kriegt der Mann ein Problem. Und zwar eines mit seiner Identität. Das ist weitaus schmerzhafter als eines mit dem Vorstandschef. Denn was ist er noch wert, wenn dieses “Weib” Wesentliches ebenso gut oder noch besser kann als er, der bisher glaubte, dies alles nur geschafft zu haben, weil er ein richtiger Mann, ein harter Knochen ist!?
Das schmeckt nach Zuckerbrot und Peitsche
In dieser Phase befällt den Massenmann Panik, die er natürlich nicht zeigt. Was er gegenüber der Frau (anfangs) nach außen kehrt, ist eine Charmanz, die sich gewaschen hat, eine, die nach verdammt süßem Zuckerbrot und nach Peitsche schmeckt. Gegenüber seinen Geschlechtsgenossen spricht er über sie mit kluger (oder ist es eher eine schlaue?) Anerkennung. Diese verkündete Anerkennung lässt keinen Zuhörer daran zweifeln, dass Herr Soundso ein echter Gentleman ist. Denn er erkennt es nicht nur an, dass Frau Kollegin dafür, dass sie eine Frau ist, schon ganz schön mithelfen kann. Dieser Gentleman zeigt “Stärke”, indem er signalisiert, jeder könne sich auch weiterhin auf seine (männliche) Kompetenz und Stärke verlassen.
Frau Kollegin kriegt solche Äußerungen schnell mit, begreift, dass sie schnellstens andere Business-Saiten aufziehen muss, um nicht viel schneller als befürchtet an Selbstzweifeln zu verkümmern. Aber andere Saiten, was heißt das? In der berechtigten Angst, untergebuttert zu werden, näht sie sich unsichtbare und dennoch wahrnehmbare Schulterklappen auf. Sie tut’s, um ihr eigenes Ich zu stärken, aber Letzteres schafft sie vielfach nicht. In ihrer Not verwechselt Sie Ich-Stärkung mit Maskulinisierung des eigenen Ichs. Doch das mag keiner. Das mögen Frauen nicht und Männer schon gar nicht. Letztere sagen dann: “Die tritt auf wie ein Feldwebel – und Haare auf den Zähnen hat sie auch noch.”
Furcht vor dem Weichei-Syndrom
Was ist also männliche und weibliche Aufgabe? Männer sollten schleunigst lernen, dass es keineswegs für ein Weichei-Syndrom spricht, wenn sie beispielsweise zugeben, etwas nicht so gut zu können wie Frau Kollegin es kann, sondern dass dieses Zugeben Stärke beweist. Frauen und Männern wünsche ich, zu kapieren, dass Geradlinigkeit, Kompromissbereitschaft und Entscheidungsfreude Eigenschaften sind, die beide gleichermaßen für ihren Erfolg benötigen. Und von den entsprechenden Frauen wünsche ich mir, dass sie ihre Potenziale selbstbewusst registrieren und ausbauen. Denn wenn Frauen solche Macher-Talente – gepaart mit fraulichen Eigenschaften – zeigen, kommen sie an.
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