Starke Eltern
Laut einer aktuellen Umfrage des
Magazins Eltern Family haben Mamas
und Papas bei ihren Kindern gute
Karten.
Dann ist ja alles in Ordnung.
Oder doch nicht?
Zugegeben: Es klingt beruhigend, wenn 78 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland sagen, dass sie beide Elternteile gleich stark lieben. Und die Tatsache, dass 52 Prozent behaupten, ihre Mutter am meisten deshalb zu lieben, weil sie immer für sie da ist, macht Mütter gewiss zufrieden und froh. Ich denke, auch Väter können gut damit leben, dass die meisten Kinder und Jugendlichen sie besonders toll finden, weil sie ihre Freizeit mit ihnen teilen. Nachdenklich macht mich jedoch ein Fazit dieser Umfrage. Und das lautet: „Trotz der Konflikte, die es zwischen Eltern und Kindern gibt, sagten nur 0,9 Prozent des befragten Nachwuchses, dass sie ihre Eltern nicht mögen.”
Verführung zum Fallenlassen
Ich finde, dieses Fazit verführt Eltern allzu sehr dazu, sich zufrieden in Ruhestellung fallen zu lassen. Warum? Eltern müssten sich mal die Frage stellen, was sie antworten würden, wenn sie nach ihrem Verhältnis zu ihren Kindern befragt werden würden. Vor allem jene Eltern, die – aus welchen Gründen auch immer – seit Jahren überhaupt keinen Zugang mehr zu ihren Kindern haben oder heftige Anfeindungen erfahren.
Solche Verhältnisse sind nicht alltäglich, aber auch nicht selten. Mit ziemlicher Sicherheit würde kaum jemand in einer derartigen Situation behaupten, seine Kinder nicht zu lieben. Wer dies täte, würde nicht nur seine elterliche Bankrotterklärung formulieren. Noch wesentlicher ist: Wer dieses Gefühl ausspricht, sieht sich im selben Moment mehr denn je in einem finsteren Abseits, in dem kaum noch Licht zu erkennen ist.
Eine gruselige Situation
Die Rolle enttäuschter Kinder ist weitaus gruseliger. So manche kommen durchaus zu dem Schluss, dass Mamas Alkoholismus, Papas Schläge und beider ohnmächtige Inkonsequenz eine Katastrophe sind. Manchmal spüren derart geschädigte Kinder nicht nur riesige Traurigkeit, sondern auch einen Hass auf ihre Eltern.
Ich habe solche Emotionen bei Heimkindern erlebt, die erst in dieser Gemeinschaft das Gefühl kennen lernten, ein Zuhause zu haben. Aber selbst diese Kinder bringen eine Verachtung ihrer Eltern in aller Regel nicht über die Lippen. Täten sie es, würden sie es nicht aushalten. Sie würden sich mit ihren eignen Worten vor Augen führen, dass ein lebenswichtiges Band zwischen ihnen und den Eltern zerschnitten ist. Denn für Kinder sind Vater und Mutter lange Zeit das Wichtigste, das Größte, was es auf dieser Welt gibt. Auch dann, wenn sie spüren, dass elterliches Verhalten es nicht wert ist, als solches benannt zu werden.
Fatales Einsehen
Für Kinder sind selbst schwache Eltern wie Galionsfiguren, die sie durch jeden Sturm leiten. Bei ihnen können sie sich anlehnen, und an ihrer Seite können sie wachsen. Würden Kinder es fertigbringen, im Rahmen einer Umfrage zu bekennen, dass dies in ihrem Fall nicht so ist, würden sie begreifen, allein zu sein und nichts mehr zu haben. Aber diese Erkenntnis tut sich kaum ein Kind an. Selbstschutz bewahrt sie meistens davor. Darum ziehe ich mein eigenes Fazit aus der zitierten Umfrage: Für Eltern gibt’s viel zu tun. Aber das wird sie nicht umhauen, denn Galionsfiguren sind stark. Und dieses Bewusstsein stärkt.
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