Absolut unmoralisch!
Oder vielleicht doch nicht?
Wer bestimmt eigentlich, was
unmoralisch ist? Wovon hängt es
ab, ob wir uns über Verhaltensweisen
anderer empören und den moralischen
Zeigefinger erheben?
Zeigefinger raus oder rein?
Das wollten Wissenschaftler der Universität Mannheim herausbekommen. Ihr Ergebnis kann so manchen dazu bringen, seinen moralin-haltigen Finger nicht ruckzuck sprechen sondern tief in der Hosentasche stecken zu lassen.
Die Mannheimer Forscher führten sich zuerst einmal vor Augen, wie sehr moralisches Empfinden von kulturellen Vorstellungen geprägt ist. Sie fragten sich zum Beispiel, wie Kannibalismus moralisch zu bewerten ist. Klar ist, dass unsere Gesellschaft es als höchst verwerflich empfindet, wenn Menschen Menschen essen. Das war allerdings nicht immer so. In früheren Zeiten und anderen Gesellschaften war Kannibalismus Teil von Riten und Gebräuchen.
Ist das Verhalten dieser Frau verwerflich?
Sozialpsychologen der Uni Mannheim wollten nun wissen, ob auch unsere Gefühle ausschlaggebend dafür sind, was wir als moralisch gut und verwerflich ansehen. Simone Schnall, Jonathan Haidt, Gerald Clore und Alexander Jordan starteten deshalb ein Prüfungsverfahren. In mehreren Studien gaben ihre Probanden an, für wie verwerflich sie es halten, wenn beispielsweise eine Frau ihren Cousin heiratet oder die hungernden Überlebenden eines Flugzeugabsturzes über Kannibalismus nachdenken.
Bevor die Teilnehmer der Studien ihre Urteile fällten, schritten die Forscher diskret zu Taten. Sie bescherten einem Teil ihrer Testpersonen ein Ekelgefühl. Dies erreichten sie zum Beispiel, indem sie kurz vor Eintreffen der Studienteilnehmer im Raum einen Duftstoff versprühten. Die Forscher gingen nämlich davon aus, dass sich das Ekelgefühl negativ auf die moralischen Urteile auswirkt. Und tatsächlich zeigte sich, dass die „Ekelgruppe“ die Verwandtschaftsheirat und die Kannibalismusgedanken als sehr viel unmoralischer wahrnahmen als die Gruppe, die sich nicht ekelte.
Wenn Gefühle in die Irre leiten
Diese Studien zeigen klar, dass ablehnende Gefühle unser moralisches Urteilen beeinflussen. Aber nicht nur das: Das Ergebnis weist auch darauf hin, dass dieser Einfluss nicht immer zur „richtigen“ Erkenntnis führt. Schließlich ist Kannibalismus in unserer Gesellschaft nicht mehr oder minder unmoralisch, nur weil es im Raum stinkt.
Die Frage ist also, ob unsere Gefühle uns in die Irre leiten. „Manchmal schon,“ sagen die Mannheimer Wissenschaftler, „und zwar insbesondere dann, wenn die Gefühle der Ablehnung nicht durch die Handlung an sich, die wir beurteilen sollen (beispielsweise Selbstbereicherung), ausgelöst werden, sondern durch andere Faktoren (wie Sympathie gegenüber der Person).“ In solchen Fällen ist also Vorsicht geboten. Und dann wär’s nicht schlecht, sich des irreführenden Einflusses der eigenen Gefühle bewusst zu werden, bevor der moralische Zeigefinger aus der Tasche gezogen wird.
Foto: zettberlin/Quelle: PHOTOCASE
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Aus meiner eigenen Erfahrung und dem Umgang mit meinen eigenen Gefühlen kann ich sagen, dass die Ablehnung einer Handlung oft durch Unwissenheit oder die Unfähigkeit, sich diese Situation vorzustellen, entsteht. Wer noch nie in einer Situation war, über die er sich ein Urteil erlaubt – ob gewollt oder auch ungefragt – der muss sich erst einmal in solch eine Situation hinein versetzen (können). Wer die Mühe nicht scheut, sich mit einer – unbekannten – Thematik auseinander zu setzen und sich die eigenen Gefühle bewusst zu machen, dessen moralischer Zeigefinger wird sicher oftmals unten bleiben.
Ein Urteil erlauben sollte sich nur der, der sich ein Urteil erlauben kann. Ansonsten täte er besser daran, zu schweigen und den moralischen Zeigefinger unten zu lassen. Denn niemand kann sicher sein, dass er nicht selbst einmal in eine Situation gerät, in der andere dann den moralischen Zeigefinger über ihn erheben.