Liebe ART

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Dialog-Beratung in Text und Gespräch. Themen: Persönlichkeit, Privatleben, Karriere.

Der Angst ins Auge sehen

Augeb.jpgLaura* ist zwar erst vierzehn, aber sie schleppt bereits eine Schuld mit sich herum, die sie kaum noch gerade gehen lässt. Sie hat so ziemlich alles falsch gemacht, was sie hätte richtig machen können. Jetzt bekommt sie die Quittung – und zwar gleich in doppelter Ausführung: eine von ihrer Mutter, eine von ihrem Vater. Die beiden trennen sich nämlich. Doch wäre sie anders als sie ist, wäre das nie passiert.

Was Laura fühlt, ist zwar Quatsch, aber dieser Quatsch ist ihre Überzeugung. Zweitrangig ist in diesem Fall, warum sie davon so überzeugt ist, dass sie ihr Leben als „die Hölle“ empfindet. Das hängt mit Eltern zusammen, die ihr nie klipp und klar und glaubhaft sagten, warum sie sich trennen, sondern denen nichts Besseres einfiel, als die Trümmer ihrer zu Bruch gegangenen Liebe emotional auf Laura abzuladen.

Die Vierzehnjährige wollte begreifen, was mit ihren Eltern los ist, fragte sich selbst jahrelang nach Gründen für deren Kalten Krieg und sagte sich bald: „Wenn ich nicht wäre, hätten sie viel mehr Zeit füreinander.“ – „Wenn ich besser in der Schule wäre, müssten sie sich nicht dauernd über meine schlechten Noten aufregen.“ – „Wenn ich lieber wäre, würden sie es gar nicht schaffen, sich zu trennen. Dann würden sie so an mir hängen, dass sie zusammenbleiben müssten.“

Von existenzieller Wichtigkeit ist bezüglich Laura die Frage: Wie kann sie einsehen, dass ihre Überzeugungen Unfug sind?

Festhaltenb.jpgLoslassen

Die Hamburger Diplompsychologin Andrea Köster sieht mit dieser Frage ein Thema aufgetischt, an dem nicht nur Scheidungskinder schwer zu beißen haben. „Das, worum es hier geht, betrifft Menschen in den unterschiedlichsten Lebenslagen.“ Das Kernthema heißt „Loslassen“. Gemeint ist ein Loslassen von Überzeugungen, die Angst bereiten und jegliche Lebensqualität rauben. Weil solche Überzeugungen wie ein Betonfundament im Menschen verankert sind und nicht mit der nächsten Meinungswelle einfach aus dem Leben geschwemmt und durch neue ersetzt werden, spricht Andrea Köster nicht von Überzeugungen, sondern von Glaubenssätzen.

Laura fürchtet, für ihre Eltern nicht ausreichend liebenswert zu sein, fürchtet sich vor der Trennung von Vater und Mutter. Ihre Absicht, eine erfolgreichere Schülerin, eine liebenswertere Tochter zu werden, dominiert so sehr ihre Stimmung, dass für konzentriertes Lernen überhaupt keine Kraft übrig bleibt. Laura verschleudert sämtliche Energie mit der Angst, nicht zu schaffen, was sie glaubt, schaffen zu müssen.

Angst im Nacken

Die Hamburger Psychologin sagt: „Viele Menschen spüren regelrecht die Angst im Nacken. Sie müssen dahin kommen, ihre Angst dort wegzunehmen, sie vor sich hinzustellen und sie herausfordernd anzusehen.“

Aber genau das scheint unmöglich zu sein. Wer unter Angst leidet, bietet ihr nicht souverän die Stirn, sondern ist so konditioniert, dass er stets einen großen Bogen um alles macht, was Angst bereiten könnte. Das heißt, wer ständig der Angst aus dem Weg gehen will, muss jeden seiner Schritte kontrolliert tun, darf nie locker durch den Tag gehen, denn das Beängstigende könnte ihn jederzeit überraschen und womöglich umhauen. Doch wer auf diese Weise verkrampft lebt, kriegt vom Leben nichts mehr mit.

Paradox?

Solches Verhalten klingt logisch. Geradezu paradox klingt – zumindest im ersten Moment -, was Andrea Köster dem entgegensetzt: „Man muss von dem Ziel, alles unter Kontrolle zu haben, loslassen, um das Leben in die Hand nehmen zu können.“ Bei näherem Hinsehen wirkt diese Aussage nicht mehr paradox, sondern selbstverständlich. Denn wer die Hände bereits voll hat, kann nach nichts greifen.

Andrea b.jpgAndrea Kösters (rechts) Erfahrung ist: „Leuten ein solches Verhalten zu verordnen, erzeugt erstmal Widerstand. Sie sollen ja etwas tun, was sie dauernd mit aller Kraft vermeiden.“

Auch Ulrike* eine 38-jährige Maklerin aus Hamburg, dachte: „Blödsinn, wenn ich von meiner Angst loslasse, gerät mir doch alles außer Kontrolle. Dann werde ich verrückt.“ Ihr machte eine Angst zu schaffen, wegen der sie sich selbst schon für durchgedreht hielt. Niemand durfte davon wissen, denn dann hätte sie damit rechnen müssen, nicht mehr ernst genommen zu werden.

Ein Ort der Angst

Täglich fährt sie mit der U-Bahn. Problematisch wurde es, wenn sie an der Station „Berliner Tor“ aussteigen musste. Bereits auf dem Weg dorthin spürte sie ein Herzrasen, ihre Hände wurden feucht und ihr Hals schnürte sich zu. Ulrike hat keine Ahnung, was der Grund für ihre Panik war. Irgendwann konnte sie sich mit dieser Frage nicht mehr beschäftigen. Sie hatte nur noch damit zu tun, die Station „Berliner Tor“ wie auch immer zu meiden. Aber meistens führte kein Weg an ihr vorbei.

Ulrike glaubte, ihre heimliche Angst könne kaum noch größer werden. Dennoch wuchs sie, indem zu der Angst vor der U-Bahn-Station noch eine andere hinzukam: die Angst vor der Angst. Was in Ulrike voller Furcht und kaum nachvollziehbar passierte, erklärt Andrea Köster mit einfachen Worten: „Sie versuchte mit aller Kraft, nicht an die Station zu denken, tat alles dafür, diesen Ort zu meiden, aber gerade dadurch wurde sie so extrem einseitig aktiv, dass in ihrem Kopf nur noch Platz für die Angst sein konnte.“

Ulrike brachte es tatsächlich übers Herz, das Gegenteil von dem zu tun, was zu ihrem eingefleischten Programm gehörte. Sie schaffte es, die gefürchtete Station bewusst anzusteuern, dort auszusteigen, sich voller Furcht dort hinzustellen und sich zu sagen: „Ja, Angst, ich bin da. Nun komm doch!“

Kontrolleb.jpgGewinn durch verlorene Kontrolle

Ihre Panik war nicht schlagartig verflogen, aber Ulrike spürte schnell, was sich verändert, wenn sie sich bewusst sagt: „Ich lasse los, die Angst zu haben, die Kontrolle zu verlieren.“ Indem sie langsam aufhörte, ihre Angst zu verwalten, alles um sich herum zu kontrollieren, entwickelte sie einen Blick für das, was mit Angst nichts zu tun hatte: Sie nahm gestresste, gequälte, frohe, ausgelassene Gesichter wahr, registrierte ein wohltuendes Stadtbild, das sie bisher voller Angst übersehen hatte, registrierte fröhliche Stimmungen von Passanten und ließ sich davon anstecken.

Menschen neigen dazu, ihr komplettes Leben zu kontrollieren. Sie planen ihr Familienleben, ihre Berufstätigkeit, ihre Liebe und achten darauf, dass ihr Zeitplan minutiös eingehalten wird.

Andrea Köster ist klar, dass Leben völlig ohne Planung und Struktur nicht gelingt. Aber sie führt Fragen vor Augen: „Warum strukturiere ich? Erreiche ich durch Planung das, was mir guttut, oder baue ich dadurch Zwänge auf, die mein eigentliches Leben verbauen?“ Sie denkt an einen Spruch, der selbst so manchem wichtigen Manager das Gefühl vermitteln kann, sich selbst nicht als ganz so wichtig zu begreifen wie er sich gibt: „Pläne sind dazu da, Gott zu amüsieren.“

Menschen kommen wegen unterschiedlichster Probleme in die Praxis der Hamburger Psychologin. Doch bei aller Unterschiedlichkeit geht es häufig um dasselbe Kernthema: „Loslassen von Angst und Kontrolle“. Sie sagt: „Die meisten, die zu mir kommen, kommen, weil sie ihre Überverantwortung für die eigenen Eltern nicht ertragen.“

Eine typische Situation: Eine Tochter erlebt ihre Mutter, weil sie Alkoholikerin ist, in geschwächter Position. Die Tochter sieht sich in der Pflicht, sich um die Mutter zu kümmern, bis sie ihr Leben erträgt und aus eigener Kraft meistert. Aber mit solcher Planung ist die Tochter vollends überfordert. Für ihre eigene Familie bleibt ihr keine Kraft mehr und ihre Partnerschaft erleidet Risse.

Order für den Chef

Ums Loslassen von eingefleischten Glaubenssätzen geht es vielfach auch bei Männern, die sich als Junge vor ihre Mutter stellen mussten, um sie vor den Schlägen ihres Vaters zu schützen. Andrea Kösters Erfahrung lautet: „Solche Männer neigen dazu, sich eine hilfsbedürftige Partnerin zu suchen, die gerettet werden muss. So bestätigen sie sich in ihrem alten Glaubensmuster.“

Die Psychologin erlebt immer wieder, wie sehr bewusstes Loslassen helfen kann, unterbewussten und lebensfeindlichen Kreisläufen zu entweichen. „Denn das Unterbewusstsein steuert trotz aller verstandesmäßigen Einsichten das eigene Handeln. Es ist der Chef.“

* Name geändert

Comments

  1. Alexander T.
    Mai 5th, 2010 | 10:0

    Wie wahr, wie wahr.
    Ich habe exakt dieses Problem. Mir ist auch lange klar, woher das kommt, weil ich mich sehr viel mit meinem Verhalten und dessen Ursachen beschäftigt habe.

    Nun, die Ursachen kenne ich jetzt. Aber wie gehe ich als Mann dagegen an? Die bewusste Entscheidung alleine hat nie geholfen.

    Auf jeden Fall schön, das auch mal schwarz auf weiß zu sehen. So merke ich, dass nicht alle Hoffnung verloren ist.
    Danke.

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