Egoismus aus Liebe
Es gibt einen Egoismus, der
niemandem schadet. Im
Gegenteil: Wer ihn pflegt,
macht sich anziehend und
zum liebenswerten Partner.
Nicht auszuhalten!
Sich auf die Bedürfnisse seines Partners einstellen zu wollen, ist zwar Voraussetzung für eine funktionierende Beziehung, aber diese Bereitschaft sollte niemand überstrapazieren. Menschen können sich noch so ähnlich sein, bestens zusammen passen, sie sind dennoch verschieden. Das heißt, in einer Partnerschaft können er und sie nie nur deckungsgleiche Bedürfnisse haben. Und diese Tatsache ist kein Manko, sondern grundsätzlich eine Bereicherung für die Beziehung. Denn auf Dauer wäre es langweilig, den Partner anzuschauen und das Spiegelbild des eigenen Wesens vor Augen zu haben. Mehr noch: Es wäre nicht auszuhalten, denn man sähe nicht nur, was man an sich selbst liebt, auch das, was einen belastet.
Daraus ziehe ich den Schluss: Die wesentlichen Bedürfnisse, die einer hat, sollte er befriedigen – mit oder ohne Partner. Verzichtet er darauf, wird er langsam unzufrieden und schneller als er glaubt unglücklich. Und wie geht’s dann dem Partner? Dem vergeht ebenfalls das Lachen, wenn er ins Gesicht seines häuslichen Gegenübers blickt. Er wird unzufrieden, verbreitet schlechte Laune, wird ebenfalls unglücklich.
Die Berührung
Das vorbeugende “Medikament” dagegen ist ein gesunder Egoismus. Es ist lebenswichtig, mit dem eigenen Leben “in Berührung zu kommen”. So formuliert es Anselm Grün (links) in einem Beitrag der Zeitschrift “emotion”. Darin geht es um die Frage, wie der Mensch sich mehr Lebensfreude verschaffen kann.
Grün ist in erster Linie Benediktinermönch und Chef der Abtei Münsterschwarzach. Er studierte Philosophie, Theologie und Betriebswirtschaft, beeindruckt Glaubende wie Nichtglaubende seit Jahrzehnten mit seinen Gedanken, die er in unzähligen Vorträgen und in rund 300 Büchern mit einer Gesamtauflage von 14 Millionen unters Volk bringt.
Ohne Anstrengung froh werden
Zu ihm kommen Menschen, die durch schlechten oder gar keinen Egoismus ihre Lebensfreude verloren und unzählige Therapien hinter sich haben. Anselm Grün sagt: “Statt weiter auf die Schattenseiten ihres Lebens zu schauen, lade ich sie dazu ein, mit der eigenen Lebendigkeit in Berührung zu kommen. Zu sehen: Es gibt da etwas, das mich ohne große Anstrengung zur Lebensfreude führt.”
Der Pater nennt dieses gewisse Etwas die “Kindheitsspur”. “Für mich ist es faszinierend zu beobachten, wie Kinder von sich aus einen Weg zu Unbeschwertheit und Freude finden. Offensichtlich haben sie in sich einen gesunden und kreativen Kern und ein Gespür dafür, was ihnen guttut. Instinktsicher entwickeln sie auch in noch so verfahrenen Situationen Strategien, sich von der destruktiven Macht alkoholkranker Väter oder depressiver Mütter zu befreien. Sie kreieren spielerisch ihre eigene Form der Selbsttherapie. Da wird im tiefen Schmerz mit der Katze gespielt, sich ins Schnuffeltuch gedrückt, der Lieblingsplatz unterm Kastanienbaum aufgesucht.” Anselm Grün nennt dieses Verhalten eine Methode, die hilft, “den göttlichen Kern unverletzt zu lassen”.
Zugang für eine einzige Person
Dies könne auch der Erwachsene lernen. Auch jeder Unglückliche oder Unzufriedene habe in seiner Lebensgeschichte nicht nur Defizite zu beklagen. Jeder habe auch Lebendigkeit und Unbeschwertheit erlebt. Nach Auffassung des Benediktinermönchs ist es ein “eminent therapeutischer Weg”, mit dieser Kraft wieder in Kontakt zu kommen. Immer wieder erlebe er, wie befreiend es wirke, wenn er Menschen mit belastender Geschichte versichere: “Dein Innerstes ist von all dem unberührt geblieben. Es ist ein Bereich, zu dem niemand außer dir selbst Zugang hat. In den du dich, wenn du willst, jederzeit zurückziehen kannst.”
Wer ihm darauf skeptisch begegne, dem rate er, sich Kinderfotos anzuschauen und dabei genau auf die Gesichtszüge zu achten. Zu überprüfen, ob da wirklich nur Schmerz zu sehen sei, oder ob da nicht auch eine tiefe ursprüngliche Freude auffalle.
Anselm Grün gehe es nicht darum, Kindheit romantisch zu verklären. “Es geht um das Ureigene, das jeder in sich trägt. Das der eine Unbeschwertheit nennen mag. Der andere Geborgenheit. Und ein Dritter eben Gott.”
Bedeutungsvolle Bilder
Grün rät, sich immer wieder vor Augen zu führen: In welchen Situationen war ich als Kind froh? Wenn ich draußen in der Natur war? Auf dem Spielplatz oder beim Sport? Zusammen mit Tieren? Darauf folge dann die Frage: “Wie kann ich als Erwachsener das leben, was mich als Kind so mühelos ins Lot gebracht hat?”
Finde man diese Spuren neu, könne das spirituelle Leben wieder aufblühen. Wenn er Erwachsene frage, wo sie sich als Kind am wohlsten gefühlt haben, bekomme er oft archetypische Bilder genannt: eine Höhle im Stroh, die ein Symbol für den Mutterschoß sein könnte, oder den fließenden Bach, der für Lebenserneuerung stehen kann.
Wer trotz intensiven Suchens kein solches Bild finde, könne sich mit einer Geste helfen, indem er etwa die Arme vor der Brust kreuzt und symbolisch die Tür zum inneren Raum schließt, den er für ein paar Minuten schützt und genießt. Solche regelmäßigen Rituale könnten dazu führen, dass das eigene Leben einen neuen Verlauf nehme. Der Mensch bleibe auf diese Weise nicht im Klagen stecken. Er lasse die Hoffnung zu, dass in ihm selbst ein gesunder Kern liege, der nur auf seine Entfaltung warte.
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