Leseprobe aus “Zu zweit”
Von Alexandra Schwarz Schilling (links) und Christin Müller (rechts)


Sigrun ist eine attraktive Frau und beruflich erfolgreich in einer Führungsposition.
Sie klagte über Folgendes: Sie war im Wechsel entweder mit Männern zusammen,
die zu anhänglich waren oder mit solchen, bei denen Unabhängigkeit über allem
stand. In beiden Fällen bekam sie nicht, wonach sie sich sehnte. In den meisten
Fällen beendete sie die Beziehungen. Sie spürte, dass diesen wiederkehrenden
Erfahrungen ein Muster zugrunde lag, aus dem sie wirklich aussteigen wollte.
Im Coaching erkannte sie, welches tiefer liegende Muster sie lebte. In ihrer Kindheit erlebte sie die Beziehung ihrer Eltern folgendermaßen: Der Vater war lieb, aber beruflich erfolglos und brachte die Familie wiederholt in finanzielle Schwierigkeiten, die die Mutter mit ausbaden musste.
Die Mutter machte dem Vater deswegen oft Vorwürfe, nahm dann das Zepter in die Hand und rettete die Situation für die Familie. Das funktionierte in gewisser Weise. Sigrun lernte: Männer bringen es nicht. Mutter und Tochter waren sich einig gegen den Vater. Er war der Trottel und unbewusst verachteten sie ihn.
Wie sich herausstellte, war das bei ihrer Großmutter auch schon so gewesen. Auch sie hatte in der Familie die Kontrolle gehabt. Die Probleme mit den Männern lieferten immer Gesprächsstoff und sorgten dadurch paradoxerweise für Familienzusammenhalt – allerdings nur unter den Frauen.
Wenn Sigrun nun mit einem Mann dauerhaft glücklich wäre, würde sie die in ihrer Familie über Generationen gelebte Überzeugung, dass Männer es nicht bringen, über Bord schmeißen. Unbewusst befürchtete Sigrun, dann ihre Mutter und Großmutter ins Unrecht zu setzen.
Dieser Zusammenhang wurde nun erst im Coaching für sie sichtbar. Mit ihren Beziehungserfahrungen setzte sie eine lange Tradition ihrer Familie fort, in der weder Männer noch Frauen gewinnen konnten. Indem Sigrun sich also entweder einen anhänglichen oder einen sehr unabhängigen Mann wählte, plante sie unbewusst voraus, dass auch sie nicht gewinnen, also dauerhaft erfüllt und glücklich mit einem Mann sein konnte. Außerdem behielt Sigrun so die Kontrolle, denn sie bestimmte die Dauer der Beziehungen.
Sie hatte immer wieder begrenzt schöne Zeiten mit Männern, allerdings ohne wirkliche Hingabe, denn niemand kann sich gleichzeitig hingeben und kontrollieren. Sigruns Mutter war bei jeder Beziehung schon gespannt, wie lang es wohl dieses Mal gehen würde. Sie war sehr misstrauisch, wenn Sigrun ihr von den schönen Zeiten erzählte, als ob sie sagen würde: “Na, warte mal ab, nicht mehr lange, dann gibt’s wieder Probleme …” – und es gab wieder Probleme. Darüber konnte sich Sigrun dann wieder stundenlang mit ihrer Mutter in gemütlicher Zweisamkeit unterhalten.
Welchen Gewinn erhielt Sigrun daraus, so zu handeln? Sie bekam Aufmerksamkeit und Zuwendung von ihrer Mutter. Sie war sicher bei ihrer Mutter. Es war vertraut und sie war nicht allein. Das war nämlich etwas, was Sigrun noch mehr befürchtete: letztlich allein dazustehen. Für sie schien es sicherer, auf ihre Mutter als auf einen Mann zu bauen. Also lebte sie das Muster der Frauen in ihrer Familie, denn alle hatten damit überlebt.
Sich davon zu trennen, schien zunächst einem Verrat gleichzukommen. Die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, mit Männern zu gewinnen, eröffnete für Sigrun ein völlig neues Spielfeld. Gleichzeitig befreite sie damit ihre Familie von einem überholten Muster. Dazu gehörte, ihre Meinung über Männer bewusst zu wandeln und damit offen für neue Erfahrungen mit ihnen zu sein.
Hier schreiben Leser zu diesem Text ihre Meinung, geben Impulse (1 Kommentar)

...Kommentare und Impulse zu den Beiträgen dieser Seite zu geben. Einfach die roten Zeilen unter den Artikeln anklicken und loslegen.
Ein interessanter Artikel. In gewissermaßen kommt mir die ein oder andere Stelle für mich selbst bekannt vor. Habe das Buch “Zu zweit” bereits vor vier Wochen bestellt, da es ja im September erscheinen sollte. Bin gespannt auf mehr und hoffe, dass ich es bald bei meinem Buchhändler abholen kann.