Wenn wir morgen sterben müssten…
Leseprobe aus “ZU ZWEIT – Beziehungscoaching für Singles und Paare”
Wenn wir morgen sterben müssten
und noch einen Tag hätten, um uns
vom Leben zu verabschieden, worauf
käme es uns wohl an?
Wir würden uns von den Menschen verabschieden wollen, mit denen wir in Beziehung waren. Es wäre plötzlich völlig nebensächlich, wie groß unsere materiellen Erfolge waren. Entscheidend wäre, wen ich wirklich geliebt habe, bei wem ich meine Liebe hundertprozentig ausdrücken konnte, mit welchen Menschen ich Nähe hatte. Mit wem war die Zusammenarbeit inspirierend, beglückend, erfüllend? Wessen pure Gegenwart tat mir einfach gut? Wer hat mein Leben bereichert? Bei wem konnte ich auch mal schwach sein, wurde gehalten und unterstützt? Mit wem konnte ich so durch Konflikte gehen, dass es uns beide weiter- und einander näher gebracht hat? Wem fühlte ich mich ebenbürtig? Wem nicht? Wo ist noch etwas unvollständig, so dass, wenn ich an diesen Menschen denke, Gefühle wie Groll, Ärger, Wut oder Trauer aufkommen oder auch der Gedanke, etwas nicht hinbekommen zu haben, Missverständnisse nicht aufgeklärt, mein Mitgefühl und Verständnis nicht ausgedrückt zu haben? Jetzt, da es nichts mehr zu verlieren gibt, kämen wir extrem mit dem Bedürfnis in Kontakt, Verbundenheit und Vollständigkeit herzustellen. Wir könnten diese Welt leichter verlassen, wenn wir vollständig wären – ein hehres Ziel.
Es erfordert Mut, sich selbst gegenüber ehrlich und wach zu sein. Das Wichtigste dabei ist, gütig mit sich und seiner Vergangenheit umzugehen. Nur auf dieser Basis, das heißt, wenn ich mich nicht für Vergangenes entwerte, ist Selbsterkenntnis möglich. Und daraus ergibt sich ein Leben mit einer neuen Qualität in unseren Beziehungen.
Doch gerade mit dieser Güte tun wir uns schwer. Sind wir nicht oft selbst unsere schärfsten Kritiker/innen? Wer kennt nicht die Stimme im Kopf, die sagt: “Du bist zu blöd, zu dumm, du versagst, pass doch auf, du schaffst das nicht, hättest du doch bloß …. du solltest aber … “, und die uns verbietet, Fehler zu machen?
Warum hören wir auf diese Stimme? Sie erfüllt eine wichtige Aufgabe. Sie will uns vor Enttäuschung schützen, uns wach halten. Und haben wir uns nicht alle schon einmal trotz Misstrauen und vorsichtigem Verhalten in die nächste Enttäuschung hineinmanövriert? Doch die Konsequenz, die wir daraus zogen, war noch misstrauischer und vorsichtiger zu sein – und wir wurden wieder enttäuscht.
Warum wiederholen wir Verhaltensweisen, die nicht funktionieren? Solche Verhaltensweisen haben auch einen Gewinn. Sie haben uns bisher das Überleben gesichert. Nach einer gewissen Zeit der glücklichen Kindheit gewöhnten wir uns an Umstände, in denen Mangel, Angst und Misstrauen präsent waren. Diese Umstände wurden für uns normal. Wir kannten uns allmählich darin aus, lernten, uns darin einzurichten. Es war nicht besonders prickelnd, jedoch aushaltbar und letztlich hatten wir die Sicherheit, auch mit unangenehmen Gefühlen überleben zu können. Dies gab uns Halt, in gewisser Weise Schutz oder auch moralische Überlegenheit. Außerdem fühlten wir ja zumindest etwas oder es gab etwas zu erreichen.
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