Zärtlichkeit außerhalb der Partnerschaft
Es klingt provokant, wenn einer sagt, es tue Paarbeziehungen sehr gut, wenn beide Partner innige Beziehungen zu anderen Frauen und Männern pflegen. Doch nachdenklich macht solch eine Aussage, wenn sie aus dem Mund eines Mannes kommt, der als Paartherapeut geradezu Ruhm genießt. – Und das berechtigter maßen, wie ich meine.
Dies ist auch körperlich gemeint
Er geht noch weiter, indem er sagt: „Ich meine hier nicht nur geistige Beziehungen, ich spreche auch von körperlichen Beziehungen im Sinn von Berührung, Umarmung und Körperkontakt.“ Dies sagt Hans Jellouschek. Er ist Lehranalytiker und Psychotherapeut mit dem Schwerpunkt Paartherapie und bekannt durch zahlreiche Veröffentlichungen und Vorträge. In fast 30 Jahren hat er als Therapeut erfahren, was Paare tun können, damit ihre Beziehung auch über Jahrzehnte lebendig bleibt beziehungsweise auch nach Jahrzehnten wieder lebendig wird.
Jellouschek gesteht, seine Behauptung rufe immer wieder starke Reaktionen hervor. Sie reichten von begeisterter Zustimmung bis zu heftiger Ablehnung. Befürworter wie Gegner gingen davon aus, dass er den außerehelichen Geschlechtsverkehr befürworte, „obwohl ich davon hier ausdrücklich nicht rede.“ Der Therapeut sagt, wenn von körperlicher Berührung unter Erwachsenen, die nicht nahe verwandt sind, die Rede sei, „denken wir sofort an Sexualität.“ Bei Körperkontakt unter Frauen vielleicht weniger, auf jeden Fall aber bei Männern untereinander und bei Frau und Mann. Damit werde deutlich, dass wir hinsichtlich Körperkontakt unter Erwachsenen auf einen Alles-oder-Nichts-Standpunkt fixiert seien.
Nur eine scheinbare Nähe
Trotz propagierter Freizügigkeit gehe es in unserer Welt sehr distanziert zu, meint Hans Jellouschek und nennt Beispiele in seinem Buch „Wie Partnerschaft gelingt – Spielregeln der Liebe“: Vielfach gäben Menschen sich schon gar nicht mehr die Hand, und wenn, „dann als seelenloses Ritual ohne innere Beteiligung.“ Dies gelte sogar fürs „Küsschen rechts – Küsschen links“. Solch scheinbare Nähe laufe vielfach derart unpersönlich und flüchtig ab, dass so gut wie kein Kontakt entstehe: „Oft gucken sich die beiden nicht mal an dabei.“
Körperkontakt zwischen Frauen und Männern, der über ritualisierte Konvention hinausgehe, gerate heutzutage sofort in den Bannkreis von Sexualität. Das übrige Leben verlaufe demgegenüber extrem unkörperlich kontaktlos – „und das ist ein Zustand unter dem viele bewusst oder unbewusst leiden.“
Jellouschek sagt, früher sei das anders gewesen. Die Lebensverhältnisse hätten es einst mit sich gebracht, dass Menschen sich mehr auf die Pelle rückten. Das habe ihnen ein Gefühl von Eingebundensein und Geborgenheit, von Vertrautheit und Nähe gegeben. Heute stille man vielfach Kinder nicht mehr, weil Babynahrung praktischer sei, man lasse sie schreien, um sie an den gewünschten Essensrhythmus zu gewöhnen und rechne es sich als Erziehungserfolg an, wenn sich der Kleine selbst beschäftige, statt auf den Arm zu wollen.
Männer fragen sich, wie sie das durchhalten sollen
„Wir haben Körperlichkeit im zwischenmenschlichen Kontakt verlernt,“ beklagt Jellouschek, „und alle Bedürfnisse, die hier unerfüllt bleiben, richten sich jetzt auf die Sexualität – und diese wird damit total überfrachtet.“ Darum „verordne“ er manchen Paaren aus therapeutischen Gründen sexuelle Enthaltsamkeit. Vor allem Männer könnten sich überhaupt nicht vorstellen, wie das durchzuhalten sei. Doch meistens gelinge diese Abstinenz nicht nur ohne große Probleme. Oft seien Männer sogar erleichtert, dass sie in dieser Zeit nicht „wollen müssen“.
In der Enthaltsamkeitsphase entdeckten Paare, dass es noch viel mehr Möglichkeiten gebe, sich körperlich zu berühren als im sexuellen Kontakt. „Sie beginnen, in lustvoller Weise damit zu experimentieren, was mit Händen, Armen, Beinen und im Hautkontakt miteinander möglich ist. Das war durch die Fixierung auf Sex vorher bei beiden blockiert.“
Dieser Hunger muss gestillt werden
Das Wort „Streicheleinheiten“ sei zwar in aller Munde, aber Jellouschek hinterfragt, was damit gemeint ist. Im Grunde werde darunter nichts anderes als ein taktisch eingesetztes Lob verstanden. Im Sinne von: „Der braucht heute wieder seine Streicheleinheiten“ oder „Gib ihr halt noch ein paar Streicheleinheiten, dann wird sie schon Ruhe geben!“. Auf diese Weise zögen wir die ursprüngliche Bedeutung ins Lächerliche und täten uns damit nichts Gutes. Der Psychologe ist der Überzeugung: „Wenn wir diesen existenziellen Hunger nicht stillen, verhungert etwas in uns.“
Der Mangel an Berührung könne regelrecht krank machen – und zwar körperlich und seelisch. Wer auf Dauer nicht berührt werde, stelle sein Bedürfnis danach irgendwann mal ab. „Mit dieser Unterdrückung verliert er ein klares Gefühl von sich selber. Sich aber nicht mehr richtig zu spüren, ist ein Hauptmerkmal depressiver Erkrankung.“ Und der ungestillte Hunger nach Berührung suche zerstörerische Ersatzbefriedigung: „Wir beginnen zu rauchen, zu trinken, zu viel zu essen: Süchte haben immer auch mit Mangel an körperlicher Zuwendung zu tun.“
Wer sich nicht berühren lässt…
Jellouschek nimmt das Wort „berühren“ unter die Lupe. Darin enthalten sei das Wort „rühren“, und das habe etwas mit Bewegung zu tun. Durch Berührung beginne sich im Menschen etwas zu bewegen, körperlich und gefühlsmäßig, und diese Bewegung sei heilsam, denn das Gegenteil der Bewegung sei die Erstarrung. – „Und wie viele Erkrankungen haben mit Starre und Erstarrung zu tun! – Wer sich nicht berühren lässt oder nicht berührt wird, ist der Krankheit näher als der Gesundheit.“
Der Therapeut lenkt noch einmal den Blick in die Vergangenheit, in die Zeit, in der Paare noch viel stärker in die Verwandtschaft eingebettet waren. Jellouschek sagt: „Das war eine große Entlastung für das Paar. Das Wohl und Wehe der Partner hing nicht allein davon ab, ob sie miteinander harmonierten.“ Denn die Nähe zu Eltern und Geschwistern sei oft sogar inniger gewesen als die der Partner untereinander. – „Und niemand fand etwas dabei!“
Ein Partner kann nicht allen Hunger stillen
Durch Berührung und Körperkontakt werde ein Gefühl von Nähe, Intimität und Geborgenheit geschaffen. Doch wenn der Lebenspartner die einzige Quelle dieser Erfahrung sei, werde er überfordert.
Viele Ehekrisen würden nach Auffassung Jellouscheks gar nicht erst entstehen, wenn beide Partner heute, statt in der Großfamilie, eingebettet wären in ein Netz von Freunden und Freundinnen, mit denen sie auch körperlichen Kontakt pflegen. Dadurch entstünde, was so oft vermisst wird: „Wärme, Nähe und das Gefühl von Eingebettetsein, und die Hauptbeziehung würde vor Überforderung geschützt.“
Geraten wir auf diesem Weg in Teufels Küche?
Jellouschek übersieht nicht, dass diesbezüglich ein großes Aber im Raum steht. Er stellt sich selbst die Frage, ob wir nicht „in Teufels Küche mit solcher Freizügigkeit kommen?“ Er erzählt aus seiner persönlichen Erfahrung und gesteht, in seiner Umgebung manchmal tatsächlich ein „rechtes Durcheinander“ erlebt zu haben. Bei ihm habe es eine Zeit des Experimentierens gegeben, „und das schaffte Unsicherheit, aus der heraus auch Verletzungen zugefügt und nicht immer alles gut auf die Reihe gebracht wurde.“ Doch dies habe sich konsolidiert. „Wir sind sehr achtsam darauf geworden, dass es Differenzierungen und Grenzen gibt. – und sind der Überzeugung, dass ein undifferenziertes Kreuz und Quer von sexueller Intimität die geschilderte Lebensform zerstören würde.“
Foto: daniel.schoenen
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In Worte gefasst, was ich schon lang so empfinde: körperliche Nähe, Zärtlichkeit, Streicheleinheiten gibt es kaum noch … kommt man einem Mann nahe stellt man sich entweder direkt darauf ein, dass es über Nähe und Zärtlichkeit hinausgeht … will man dies nicht, muss man es direkt ganz lassen ..
Ich gebe zu, ich hungere danach …