Eltern: gar nicht so souverän
Eltern trauen sich nicht,
gewisse Themen gegenüber
ihren erwachsenen Kindern
anzusprechen.
Selbstkritische Väter
Über das Zusammenleben von Eltern mit kleinen und heranwachsenden Kindern gibt es zahlreiche Untersuchungen. Über das Verhältnis zwischen Eltern und ihrem erwachsenen Nachwuchs ist wissenschaftlich viel weniger erwiesen. US-amerikanische Forscher haben sich jetzt an dieses Thema herangemacht. Cheryl Peters von der Oregon State University und ihre Kolleginnen Karen Hooker und Anisa Zvonkovic wollten wissen, wie Ältere die Beziehung zu ihren Kindern gestalten. Die Forscherinnen arbeiteten mit Müttern, die im Durchschnitt 75 Jahre und mit Vätern, die durchschnittlich 76 Jahre alt waren.
In den Gesprächen kam heraus, dass Eltern sich zwar durchaus über den beruflichen Erfolg ihrer Kinder freuen und auch stolz darauf sind. Sie beschäftigt allerdings auch die Frage, ob das große berufliche Engagement ihren Kindern gut tue. Außerdem bedauerten sie, dass Sohn oder Tochter beruflich so sehr belastet seien, dass sie kaum Zeit hätten, mit den Eltern zusammen zu sein.
Insbesondere die Väter betrachteten sich selbstkritisch. Ihnen ging durch den Kopf, ob sie ihren Kindern bezüglich ihres eigenen einstigen beruflichen Ehrgeizes ein schlechtes Vorbild gewesen seien.
Was Eltern sich nicht trauen
Sämtliche Eltern gaben zu, dass sie sich nicht trauten, mit ihren Kindern beispielsweise über deren Familienleben zu reden. Sie vermieden es alle, sich mit ihnen über deren Ehe und Kindererziehung zu unterhalten. Die Hälfte der Befragten gab auch zu, Schwierigkeiten im Umgang mit den Partnern ihres Kindes zu haben, darüber jedoch kein Wort zu verlieren. Und auch bezüglich geschiedener Ehen ihrer Kinder bewahrten die Eltern Stillschweigen.
Gründe für die elterliche Zurückhaltung nennen die Wissenschaftler nicht, aber diese Gründe sind vorstellbar. Wer älter geworden ist, wird sich mehr oder weniger stark seiner eigenen Endlichkeit bewusst. Krankheiten haben sich ergeben, ältere Menschen spüren, nicht mehr so belastbar wie früher zu sein, erleben womöglich, von der Machergeneration als weniger attraktiv und gefragt angesehen zu werden. Immer wieder drängt sich natürlich auch die Frage auf, wie lange sie ohne fremde Hilfe leben können.
Das schlechte Gewissen
Gleichzeitig ist älteren Menschen aber auch noch deutlich in Erinnerung, wie sehr sie einst selbst den Drang hatten, sich frei von Eltern zu entwickeln, selbstbestimmt leben zu können und ihr Leben nicht an den Bedürfnissen von Mama und Papa auszurichten. Sie wissen, wie es bei ihnen früher ankam, wenn ihr Vater ihnen zum Beispiel erzählte, kaum noch die Getränkekisten aus dem Keller nach oben tragen zu können, oder wenn ihre Mutter beklagte, sich allein zu fühlen. Solches Beklagen bereitete ihnen als Kindern vielfach ein schlechtes Gewissen. So sehr, dass sie sich zurückzogen, um sich selbst weniger belastet zu fühlen.
Im Alter nehmen sich die Jugendlichen von einst vor, alles “besser” zu machen. Sie wollen “vernünftige” Eltern sein, sich nicht in die Privatsphäre ihrer Kinder mischen, sie nicht mit ihren eigenen Vorstellungen vom Leben zu bandagieren, sie haben gelernt, dass nur der seine Kinder behält, der sie loslässt.
Der Zungenlöser
Dieses Loslassen fällt sicherlich kaum jemandem leicht. Aber es wird praktiziert – aus Angst, genau die Menschen zu verlieren, die einem am wichtigsten sind. Doch Eltern, die gegenüber ihren Kindern so tun, als hätten sie beispielsweise zu deren schmerzhafter Ehescheidung keine Meinung und schon gar nichts zu sagen, signalisieren nicht Wertschätzung, sondern Hilflosigkeit bis Gleichgültigkeit. Sicherlich ist in solch intimen Themenbereichen elterliches Fingerspitzengefühl gefragt. Aber nicht durch stummes Verhalten, sondern beispielsweise durch den liebevoll väterlichen oder mütterlichen Hinweis unter vier Augen: “Ich kann mir vorstellen, dass du zurzeit eine Menge Schweres schultern musst.” Wer das sagt, muss das Angebot, mit seinem Kind darüber sprechen zu wollen, kaum noch machen. Das elterliche Verständnis zeigt Interesse und Akzeptanz, zwei Signale, die bestens geeignet sind, um Zungen zu lösen.
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