Der Mann, das emotionale Sparschwein
Dieser Satz kommt nicht aus Frauenmund. Dr. Mathias Jung ist es, der mit dieser Formulierung (und vielen weiteren) kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn er über Beziehung spricht. Jung ist Psychotherapeut und Philosoph am Gesundheitszentrum in Lahnstein. Nicht zuletzt als Paartherapeut weiß er, wovon er redet – und was er zu sagen hat, das bringt er mit einem gehörigen Schuss Humor auf den Punkt.
Ohne sie können wir nicht leben
Beim Salzburger „Kongress über die Liebe“ nahm Jung seine Geschlechtsgenossen in einem Vortrag unter die Lupe. Er sagte, sie schafften es zwar hin und wieder, über Sex zu reden, nicht jedoch über Emotionen und über Zärtlichkeit. Dabei sei die Zärtlichkeit ungleich wichtiger als die Sexualität: „Ohne sie können wir nicht leben.“
Jung sagt, Männer lebten nach Mythen, von denen sie sich partnerschaftlich in die Irre führen ließen. Einer solcher Mythen besage: „Männer sollen gewisse Gefühle nicht haben oder zumindest nicht zeigen.“ Sie glaubten, Sexualität habe mit Gefühlen wenig zu tun. Darum gebe es auch den Ausdruck „Geschlechtsverkehr“. „Ist ja furchtbar!“, entrüstet sich Jung mit schmunzelnden Augen: „Das klingt ja wie ,Rechts hat Vorfahrt’“
Auch das wäre männlich – und legitim
Und was passiert bei solchem Verkehrsaufkommen? Mathias Jung erklärt’s: „Männer gehen mit ihren Frauen ins Bett, sie nötigen sie, obwohl es ihnen um etwas ganz Anderes, etwas zutiefst Menschliches geht.“ Vielfach fühlten sie sich nämlich von ihrer Firma gedemütigt, sie seien überfordert und erschöpft. Eigentlich, so sagt der Wissenschaftler, müssten Männer dann den kleinen Jungen in sich zulassen. „In diesen Momenten bräuchten sie – und das ist völlig legitim – die mütterliche Qualität ihrer Frau, so, wie die Frau in gewissen Situationen die väterliche Qualität des Mannes braucht.“
Aber Männer wagten es nicht, zuzugeben, dass sie sich elend fühlen. Sie trauten sich nicht, zu sagen: „Ich möchte einfach mal meinen Kopf auf deinen Schoß legen.“ „Nein, stattdessen wird Geschlechtsverkehr ausgeübt.“ Und der verlaufe dann trostlos. Dies sei ein Zeichen von Sprachlosigkeit. Jung sagt, wenn ein Mann in solcher Weise intim werde, „dann ist er seelisch Lichtjahre von seiner Frau entfernt.“
Nur scheinbar tot
Apropos Sprachlosigkeit: Längst ist erwiesen, dass es in den meisten Beziehungen nach ein paar Jahren Zusammenlebens allenfalls noch zu sieben Minuten Gespräch täglich kommt. Mathias Jung denkt an alte Paare, die sich im Café stumm gegenübersitzen und sich nur noch anstarren. Wenn er sie beobachtet, fällt ihm Francoise Sagan ein. Sie sagte: „Von manchen Menschen denkt man, sie seien tot. Dabei sind sie nur verheiratet.“
Ein weiterer Mythos sage Männern: „Sex ist Leistung.“ Männer fragten: „War die Erektion gut? War ich dauerhaft? Wie hab’ ich’s dir besorgt?“ Hinter solchen Fragen stecke eine Leistungsideologie, die selbst vor dem Bett nicht Halt mache. Diese männlichen Fragen wirkten so technisch wie die Frage: „Hab’ ich ´nen Kolbenfresser?“
“Das ist ganz furchtbar.”
Mathias Jung berichtet von einem Mann aus seiner Praxis. Der beklage sich, dass seine Frau nicht mehr mit ihm schläft. „Ewig wehrt die ab. Das ist ganz furchtbar.“ Jung fragt den Mann: „Was hat sie denn?“ Er sagt: „Die ist frigid.“ Diese Antwort reicht dem Therapeuten nicht: „Haben Sie sie mal gefragt, warum sie nicht mit Ihnen schlafen will?“ – „Nein.“ Jung lässt nicht locker: „Ist sie Ausländerin? Spricht sie kein Deutsch?“ Antwort: „Nein.“
Zur nächsten Sitzung erscheint das Paar gemeinsam. Jung bittet den Mann, seiner Frau doch jetzt einmal die Frage zu stellen. Prompt antwortet sie: „Das hab’ ich dir schon hundert Mal gesagt. Du hörst einfach nicht zu.“ Und dann: „Du bist nicht zärtlich.“
Dafür steht sie nicht zur Verfügung
Der Paartherapeut vertritt die Auffassung, der Beischlaf am Abend beginne mit dem Kuss zum Frühstück. Dieser Gedanke lockt die lustlose Ehefrau aus der Reserve. Sie führt ihrem Mann im Klartext vor Augen, was er tut: „Du stehst um fünf vor zwölf vom Fernseher auf, hast ´ne Nikotinfahne und im Zweifelsfall auch noch ´ne Bierfahne, und dann kommst du zu nächtlicher Stunde und bietest mir noch ´nen lieblosen Rammelsex an. Dafür steh’ ich nicht zur Verfügung!“
Jung setzt für seine Zuhörer beim Salzburger Kongress noch eins oben drauf: „Ich verstehe, wenn Frauen zu mir sagen: ,Der werkelt an mir herum als hätte er ´nen Stück sexuelle Laubsägearbeit abzuliefern. Mehr nicht.’“
Er hat etwas gegen Schlafzimmer
Solch unerotische Zweisamkeit bringt Mathias Jung auf Gedanken an Friedrich Nietzsche. Der hat mal gesagt: „Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern zu gebären.“ Mit einer Portion Chaos, meint Jung, könne Sexualität auch wieder verspielt werden. Und überhaupt: „Warum immer in diesen grässlichen Schlafzimmern? Das ist ja ein Fall für die UNO-Menschenrechtskommission!“ Schließlich gebe es so wunderschöne Teppiche und auch Küchentische.
Doch auch auf diese Ebenen müsse Sex nicht gezogen werden. „Warum nicht einfach mal zusammen sein und einander streicheln?“ Solche Berührungen bewirkten eine wundervolle erotische Stimmung. Jung hält es für geradezu bezeichnend, „dass wir Männer so gern das Wort Bumsen benutzen.“ Er bezweifelt, ob dies die treffende Formulierung sei, denn „es bumst, wenn zwei Autos aufeinanderstoßen.“
Der Mann, die Kuh und die Frau
Ein weiterer Mythos laute: „Der Mann übernimmt die sexuelle Führung.“ Er kriege die Frage „Wie bringe ich dich am besten zum Orgasmus?“ nicht über die Lippen. Auch dazu fällt Jung sogleich wieder ein Satz ein: „Eher bringt ein Mann ´ne Kuh auf die höchste Plattform des Kölner Doms als ´ne Frau zum Orgasmus.“
Mathias Jung zitiert den amerikanischen Sexualtherapeuten Bernie Zilbergeld. Der kritisiere in seinem Buch „Männliche Sexualität“, in Sachen Liebe sei der Mann auf „genitale Aktivitäten“ fixiert und betrachte den Penis als seine „Wunderwaffe“. Jung wird konkreter: „Der ist einen halben Meter lang, hart wie Stahl und macht die ganze Nacht nicht schlapp.“ Dies sei die klassische Vorstellung des Mannes, aber dabei sei der Penis „ein kleines verletzliches Organ, das manchmal monatelang vor sich hin ratzt.“
Da hilft nur eine Transplantation vom Pferd
Angesichts solcher Kruppstahl-Fantasie möge es schwer fallen, so der Therapeut, den eigenen nur menschlichen Penis zu akzeptieren. Männern hält er darum klar vor Augen: „Er ist der einzige Penis, den Sie haben werden – es sei denn, Sie planen eine Transplantation vom Pferd.“
Und noch ein Mythos, den Mathias Jung aus der Welt schaffen möchte. Er lautet: „Sex muss man nicht lernen.“ Er hält diese Auffassung für grotesk und meint, Männer müssten erotische Kultur lernen. Er frage sie immer wieder, ob sie jemals einen guten erotischen Roman oder eine gute erotische Novelle gelesen hätten. „Ne, gibt’s nicht. Stattdessen Sachbücher und Computerbücher im Kilo.“ Jung denkt an Boccaccios Decamerone und schwärmt: „Hundert Erzählungen aus dem 14. Jahrhundert. Zehn Männer und zehn Frauen erzählen sich Geschichten: erotisch, heftig, kräftig, unanständig, öbszön – traumhaft! Wenn Männer solche Bücher studieren würden wie die Betriebsanleitung für ihren Computer, dann wären wir einen Riesenschritt weiter.“
Foto: Sarah81
Hier schreiben Leser zu diesem Text ihre Meinung, geben Impulse (4 Kommentare)

...Kommentare und Impulse zu den Beiträgen dieser Seite zu geben. Einfach die roten Zeilen unter den Artikeln anklicken und loslegen.
Wo sind die Männer, die dem jetzt widersprechen? Und wo sind die Frauen, die sich hier nicht wiederfinden?
Die meisten Männer lösen ihre Probleme durch Sex oder vielmehr meinen sie ihre Probleme durch Sex lösen zu können. Dabei wird das Problem – manntypisch – auf dem direkten Weg “angepackt”, es heißt es gilt zielorientiert zu handeln, nicht zu reden. Was Frau dabei fühlt ist zweitrangig, denn zunächst geht es darum erst einmal die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen und den “vermeintlich männlichen” Status zu erhalten oder wiederherzustellen. Der Mann muss dominieren, auf jedem Gebiet. Wer beruflich eine “Schlappe” erleidet, muss im Bett “Stärke” zeigen, keine Schwäche. Für Mann wäre das eine doppelte Katastrophe.
Die meisten Männer wissen überhaupt nicht wie Frauen “ticken”, wie Frauen angefasst werden wollen. Das können sie auch gar nicht, weil sie es nicht gelernt haben. Und hier sind die Frauen gefragt. Frauen sollten ihren Männern zeigen, was sie gerne haben, und auch was sie überhaupt nicht mögen. Die Männer nicht einfach “rumwerkeln” lassen. “Denn sie wissen nicht was sie tun”.
Jungs werden von Frauen erzogen. Wo sind die Frauen, die ihren Söhnen ein anderes Verständnis beibringen, die ihren Söhnen erlauben, Gefühle zu zeigen, zu weinen, all diesen alten Mythen endlich mal den Garaus zu machen. Männer werden ihre Söhne immer so erziehen, wie es ihrem eigenen Männer-Bild entspricht und solange dieses Männer-Bild in unserer Gesellschaft seinen Platz hat, wird sich daran auch nichts ändern.
Wenn Frauen sich über ihre Männer austauschen, dann benutzen sie häufig den Spruch “Nehmt die Männer wie sie sind, es gibt keine anderen”. Wir Frauen können etwas dazu tun, dass es irgendwann andere Männer gibt. Vereinzelt soll Frau ja schon das ein oder andere Exemplar gesehen haben.
Männer hassen Veränderungen, was immer so war – und bisher auch funktioniert hat – sollte tunlichst auch so bleiben. Dabei verpassen sie selbst die schönsten Dinge des Lebens.
Boah, hab ich ´ne tolle Beziehung! Nicht, dass ich nicht ahnte, wüßte, dass es oftmals anders ist. Meine feste Überzeugung ist: das Geheimnis einer glücklichen Beziehung ist, dass (auch) dort Beide zueinander passen. Frau kann auch wild leben mit ein und dem selben Partner!
Hey! Und die Frau, die nichts zu dem geschilderten Elend sagt (und zwar so, dass es angekommen ist!), ist auch Schuld! Fröhliche Grüße y besos liquidos, Spree-Babe
Natürlich kann “Mann” Mathias widersprechen, man muss es aber nicht. Es gibt nun mal solche und solche Männer.
Aber sind “gefühlvolle und rücksichtsvolle” Männer für viele Frauen nicht “Langeweiler” und zu wenig männlich?
Auch “Frau” kann nicht alles haben wollen, Mr. Perfekt gibts nur sehr selten. M.E. kommt es in einer Beziehung darauf an, keine zu hohen Erwartungen an den Partner zu haben, darüber zu “reden” und es ist wichtig, dass beide zur Beziehungspflege beitragen, oder dass dies unbedingt gleichwertig sein muss.
Männer müssen aber auch an sich arbeiten, und daher ist es schade, dass das “Männerbüro Düsseldorf” sich mangels Führungsnachwuchses aufgelöst hat. Dort hatte Mathias auch vor Jahrenden mitgearbeitet.
Gruss
Jörg
Ich höre auch immer wieder von Männern, wie Dr. Jung sie beschreibt. Gott sei Dank, bin ich keiner von denen, was ich letztendlich zwei Frauen zu verdanken habe, die mich gelehrt hatten, über Gefühle zu sprechen, die mir unmissverständlich mitgeteilt hatten, was sie mögen und was nicht.
Ich genieße es, wenn meine Partnerin einen Orgasmus hat, und der beste Beweis dafür ist, dass ich mir hinterher fast mein Gesicht abtrocknen muss (was ich natürlich nicht wirklich tue). Manchmal ist ein klärendes Gespräch (oder auch ein Eklat) für die Sexualität sehr fördernd, denn wenn unausgesprochenes wie ein Damoklesschwert über den Liebenden hängt, ist die emotionale Ebene (und daran anhängig auch die körperliche) blockiert. Redet miteinander, zeigt Euch, damit der/die Andere auch weiß, WEN er liebt.