Intime Frage
Paare können noch so offen miteinander
umgehen, dennoch gibt es ein Thema,
das für Frauen wie Männer in aller Regel
tabu ist. Manch einer leistet sich nicht
einmal einen Gedanken daran. Dieser
Bereich wird gemieden wie die Erinnerung
an ein übles Erlebnis, über das möglichst
hoch Gras wachsen soll.
Das Auge verrät nicht alles
Wer das Gras nicht absichtlich wuchern lässt, sagt sich, dieses Thema müsse überhaupt nicht besprochen werden, denn er beziehungsweise sie wisse doch ohnehin ganz genau, was Sache ist. Stephan Landsiedel (rechts) vertritt in diesem Punkt eine ganz andere Meinung. Er ist Diplompsychologe, Buchautor und erfolgreicher Flirt-Trainer. Ferner ist er Flirt-Coach von “match.com”, der weltgrößten Single-Börse. Regelmäßig veranstaltet er Flirt-Seminare in ganz Deutschland. Nicht zuletzt Auftritte in TV und Hörfunk sowie zahlreiche Berichterstattungen über ihn in Medien wie “Fernsehwoche”, “Süddeutsche Zeitung”, “Mens Health” und “Spiegel” haben ihn als das bekannt gemacht, was er ist: Deutschlands Flirt-Experte. Und als solcher ist er davon überzeugt, dass es hilfreich für Paare sei, wenn sie sich gegenseitig die Frage stellten, die üblicherweise tabu ist: „Was ist eigentlich deine Sehnsucht, mit welchen Träumen bist du einst in unsere Beziehung gegangen?“
Landsiedel weiß, was die meisten denken, wenn sie diesen Vorschlag hören, nämlich: „Da gibts doch nichts zu erklären. Ein guter Liebhaber muss das doch fühlen.“
Weil jede anders tickt
„Irrtum!“, sagt der Experte mit einem schmunzelnden Kopfschütteln. „Warum soll gerade ich wissen, was sie braucht?! Jede Frau tickt anders.“ Solches sei weder der eigenen Frau noch dem eigenen Mann treffsicher von den Augen abzulesen. Dafür seien Menschen zu verschieden.
Grundsätzlich komme dieses Thema in Beziehungen zwar immer wieder auf den Tisch, vielfach jedoch in einer Art, die nicht hilfreich sei. „Spitze Bemerkungen und Vorhaltungen helfen nicht weiter. Dieses Thema bringt’s nur, wenn Paare mit Respekt ins Gespräch gehen.“
Wer seinen Partner fragt, wie es mit seiner Sehnsucht bestellt sei und ob seine Träume von Partnerschaft so halbwegs realisiert worden seien, muss natürlich mit einer Antwort rechnen, die ihn selbst belastet. Es kann passieren, dass er diese Antwort als Kritik an seinem Verhalten beziehungsweise an seiner Persönlichkeit begreift. Auf die Frage, ob die Angst, Kritik an sich selbst zu erfahren, solche Gespräche vielleicht häufig im Keim ersticke, wehrt Stephan Landsiedel ab. Er sagt: „Meine Kritikfähigkeit hat auch etwas damit zu tun, ob ich fähig bin, zu lieben.“ Das heißt: Wer liebt, kann sich selbst in Frage stellen und sich auch fragen, was der Andere braucht und was ihm Freude macht.
Zu zweit in die Tiefe
Der Fachmann hält es für „unabbdingbar“, sich in einer Partnerschaft immer mal wieder gegenseitig nach dieser Sehnsucht zu befragen. Denn wer dies ohne Vorhaltungen und spitze Bemerkungen tue, spüre, „wie tief ein solches Thema zueinander führt.“
Da wird auf einmal hörbar, wie sehr sich ein Mensch in den anderen hineinversetzt. Vielleicht fragt er sich schon seit Jahren, warum sie so wenig auf seine Bedürfnisse eingeht. Er stellte sich die Frage, ob sie selbst diese Bedürfnisse überhaupt hat, oder ob sie ihn ignoriert, um ihm eins auszuwischen.
Bei derartigen Gesprächen kann begriffen werden, welche nie vermutete Sehnsucht unbefriedigt im Partner schlummert. Wer sich das anhört, bekommt eine Ahnung davon, welcher Frust sich im Partner womöglich seit Jahren breit macht. Auf diese Weise kann er nachvollziehen, warum der Andere sich in bestimmten Situationen immer wieder stur, rigoros, abweisend, cool oder verständnislos verhält: nämlich, weil er sich sagt: „Die begreift mich doch überhaupt nicht“, oder: „Er denkt nur an sich“ beziehungsweise „hat überhaupt kein Interesse an zärtlicher und intimer Zuwendung.“
Immerhin ist es möglich, dass beide gleiche Sehnsüchte haben, jedoch eine verschiedene Art, sie zu zeigen.
Zwei Überraschungen
Und wenn die Träume unterschiedlich sind? Wer liebt, schafft es eher, dem Partner hin und wieder eine Sehnsucht zu erfüllen. Wer es tut, kann mindestens zwei Überraschungen erleben: erstens, dass er wider Erwarten mag, was der Partner mag, zweitens, dass es ihn berührt, seinen Partner durch sein Entgegenkommen froh zu machen.
Die Frage nach den eigenen Träumen zu beantworten, setzt allerdings etwas voraus: Wer dazu Stellung nimmt, muss authentisch sein, darf sich nicht verstellen. Letzteres ist leichter gesagt als getan. Schließlich verlangt so manche berufliche Position täglich nicht nur von Männern, stets stark, beherrscht bis cool aufzutreten. Wer diese Rolle beherrscht, kann sie kaum ohne weiteres zu Hause ablegen. Stephan Landsiedel ist sich allerdings sicher: „Wer es schafft, zu Hause auch mal schwach zu sein, kann nur stark beeindrucken.“
Sabotage im Elternhaus
Eltern können einiges tun, um ihren Kindern den späteren Spagat zwischen Job und Partnerschaft zu vereinfachen. Der Psychologe sieht folgende vorbeugende Maßnahme: „Kinder ihre eigenen Werte entdecken lassen und sie nicht mit den elterlichen Wünschen sabotieren.“
Er glaubt allerdings nicht daran, dass Authentizität in der Beziehung nur nach entsprechender Erziehung möglich ist. Er ist der Überzeugung: „Das kann man auch später lernen. Oft ist es gerade die Midlifecrisis, die Menschen zu der Frage führt, was sie eigentlich wirklich wollen.“
Verliebt: Wie war das noch?
Landsiedel verführt Paare aber nicht nur dazu, sich ihre Sehnsüchte mitzuteilen. Er fordert sie auch auf, sich immer wieder daran zu erinnern, wie sie einst in ihrer Verliebtheitsphase gefühlt und was sie vorgehabt haben. Wer das tut, wird feststellen, sich damals keinen Partner gesucht zu haben, der ihm die eigenen Defizite aus der Welt schafft, damit es ihm selbst besser geht. Der Paar-Coach meint: „ Das wäre ja wie bei zwei angeschlagenen Unternehmen, die glauben, dass es ihnen durch eine Fusion besser ginge. Aber draus wird nichts. Denn jeder hat selbst viel zu viele Baustellen, die ihn daran hindern, einen offenen Blick für den Anderen zu haben.“
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