Liebe ART

Sprechen.  Verstehen.  Beziehung schaffen.
Dialog, der Partner schafft.
In jeder Beziehung.



Dialog-Beratung in Text und Gespräch. Themen: Persönlichkeit, Privatleben, Karriere.

Erstmal heiraten, dann lieben lernen

Erstmal heiraten, und dann geht’s ab in die Liebesschule.Die Tatsache, dass in Deutschland
(und nicht nur da) fast jede zweite Ehe
in die Brüche geht, bringt mich auf
unpopuläre Gedanken. Aber nicht
nur mich. Auch die ARD. Und die
produziert aus solchen Gedanken
nun eine Sendung.

Alle haben’s schon vorher gewusst

Grundlage für die Produktion ist eine verbreitete Erfahrung: Die Beziehung ist in die Brüche gegangen, das letzte Date war eine Katastrophe, und jetzt darf man sich die Sprüche von Freunden, Eltern, Geschwistern oder Kollegen anhören: Sie haben das alle natürlich schon vorher gewusst.

Besserwisser suchen den Partner fürs Leben

Weil dies so verbreitet ist, spannt die ARD nun derartige „Besserwisser“ von vornherein mit ein. Das heißt, Freunde, Verwandte und Bekannte übernehmen die Partnersuche für den, der sich verlieben möchte. Was dabei herauskommt, ist in der neuen Dating-Show „Ich weiß, wer gut für dich ist“ zu sehen – und zwar ab 25. März, dienstags bis freitags um 18.55 Uhr.

Das hat doch nichts mit Liebe zu tun

Das Thema „Arrangierte Ehen“ ist alt. So alt, dass ich zufrieden dachte, es sei bereits gestorben und stehe nie wieder auf. Jedenfalls nicht im westlichen Kulturkreis. Spontan fallen mir bei diesem Thema unangenehme Begriffe ein: Zwangsehe, Heiratsvermittler, Kuppler, Geldhochzeit, Standesdünkel. So Erstrebenswertes wie Liebe schießt mir da nicht durch den Kopf.

Oder doch? Wie harmonisch und liebevoll ging es denn hierzulande in den ehelichen Gemächern zu, als Eltern noch mit Selbstverständlichkeit diktierten, wen ihr Sohn oder ihre Tochter zu lieben hatte? Bei diesen arrangierten Ehen ging es weder um Schönheit noch um Erotik. Es ging um Geld, das nötig war, um den Fortbestand des eigenen Hofes und mit ihm die Lebensgrundlage für die Familie zu sichern. Tatsache ist – das belegen historische Aufzeichnungen -, dass diese Zweckehen kaum unglücklicher verliefen als die, die heute mit nichts als Liebe in der Aussteuer gestartet und vor die Wand des Scheidungsrichters gesetzt werden.

Verfallsdatum für Leidenschaft

Das Fernsehen und Hollywood erzähle den Menschen ständig, Beziehung könne nur mit romantischer Liebe aufgebaut werden, kritisiert Robert Epstein. Er ist Psychologe und Redakteur der amerikanischen Zeitschrift „Psychology Today“. In einem Interview mit Politikcity.de sagte er: „Du siehst jemanden, und du spürst die Funken, es gibt eine Explosion, ein Feuerwerk, und dann lebt man glücklich bis ans Lebensende. Natürlich funktioniert es nicht so. Leidenschaft verblasst sehr, sehr schnell. Sie kann an einem Wochenende verschwinden, meistens ist sie innerhalb von 18 bis 24 Monaten ziemlich schwach.“

Epstein zitiert Studien, die zeigen, wozu Leidenschaft führt: „Sie macht dich völlig blind.“ Sie verführe Menschen, viele Eigenschaften ihres Partners zu ignorieren oder nicht wahrzunehmen. „Wenn die Leidenschaft verschwindet, klärt sich der Nebel, und du findest heraus, mit wem du zusammen bist. Meistens finden die Menschen hierzulande dann heraus, dass sie mit der falschen Person zusammen sind.“ Darum schlägt Epstein vor, „die Dinge etwas anders anzugehen: Fange mit jemandem an, bei dem du Gründe hast anzunehmen, es könnte tatsächlich ein guter Partner für eine Langzeit-Beziehung sein. Und dann fangt ihr bewusst an, euch lieben zu lernen.“

Partnerwahl mit eingeschaltetem Verstand

Der amerikanische Psychologe meint, bei einer arrangierten Ehe „mischen sich wenigstens ein paar Gedanken in die Partnerwahl.“ Das Lieben-Lernen könne von modernen Beratern beigesteuert werden. Beratung kümmere sich bislang reaktiv um Paare, die schon am Scheitern sind. „Inzwischen bin ich mir ziemlich sicher,“ sagt Epstein, „Berater können die Techniken, die sie entwickelt haben, auch für Paare nutzen, die gerade erst anfangen.

In Indien seien arrangierte Ehen auf manche Art erfolgreicher als westliche Ehen. Dort würden 95 Prozent der Ehen arrangiert, Scheidung sei legal, aber die Scheidungsrate liege unter einem Prozent. Eine Studie sage, dass die Liebe in arrangierten Ehen klein anfange und im Laufe der Zeit zunehme. Die Studie sage auch, dass Liebe in arrangierten Ehen die Liebe in romantischen Ehen schließlich überholt – um die Fünf-Jahresmarke herum.“

Lauter unterdrückte Frauen?

Dem Gegenargument, solche Ehen basierten auf Unterdrückung der Frauenwünsche und auf starken gesellschaftlichen Barrieren gegen Scheidungen begegnet Epstein energisch: „Das ist absolut nicht wahr. Arrangierte Ehen werden zum Beispiel von orthodoxen Juden in vielen Teilen der Welt, auch in den Vereinigten Staaten, praktiziert. Es gibt keine Unterdrückung von Frauen in dieser Gemeinschaft, und Scheidung ist legal.“ Natürlich gebe es Druck gegen Scheidungen in jeder Gemeinschaft, einschließlich Mainstream-Amerika: „Scheidungen sind immer noch schlecht für jeden, der geschieden wird. Sie sind sehr teuer, schädlich für Kinder und sehr anstrengend.“

Die Sex-Rate in Langzeit-Ehen

Robert Epstein ist der Auffassung, arrangierte Ehen sorgten für Stabilität in einer Gemeinschaft, sie sorgten für Stabilität in der Familie, Stabilität für die Kinder. „Sogar wenn die Frauen oder Männer unglücklich sind, bringt dieser Typ der Ehe viele Vorteile mit sich, während das System, das wir haben, komplett versagt. 50 Prozent unserer ersten Ehen enden mit Scheidung, über 60 Prozent unserer zweiten Ehen enden mit Scheidung, 80 Prozent der Menschen, die noch verheiratet sind, denken über Scheidung nach. Viele Studien belegen die überaus niedrige Sex-Rate von Menschen in Langzeit-Ehen. Und das ist plötzlich nicht mehr, was sie erwartet haben, es passt nicht zu den romantischen Geschichten, die wir im Kino sehen. Was immer auch die Nachteile von arrangierten Ehen in einigen Kulturen sein mögen – unser System ist weitaus schlimmer.“

Nur ein “aufblasbares Sex-Spielzeug”

Epstein hält Lust für großartig, meint aber: „Wir müssen lernen, Lust und Liebe zu unterscheiden. Dabei können Berater helfen. Wenn deine Beziehung auf körperlicher Anziehung basiert, dann ist die andere Person ein Ding, ein großes, aufblasbares Sex-Spielzeug, und du bist nicht wirklich verliebt. Körperliche Schönheit vergeht. Glücklicherweise werden unser Gehör, unser Sehvermögen, unser Geruchs- und Tastsinn ebenfalls so schlecht, dass die Defizite unseres Partners weniger offensichtlich werden. Auch wenn wir anfangs mit jemandem zusammen sein wollen, weil er körperlich attraktiv ist, müssen wir immer noch seine innere Schönheit finden.“

Der Haken an der romantischen Beziehung

Mutterseelenallein auf weiter Liebessehnsuchtsbühne steht Robert Epstein mit seiner Auffassung nicht. Die deutsche Journalistin und Autorin Susanne Gaschke schreibt in ihrem Buch „Die Emanzipationsfalle“: „Vielleicht wäre die Antwort auf Scheidungsrekorde, Geburtenkrise und flächenbrandartige Einsamkeit tatsächlich eine neue Version der arrangierten Ehe. Langzeitstudien zwischen in traditioneller Weise arrangierten indischen und westlichen ,romantischen’ Ehen zeigen, dass die arrangierten Ehen zwar weniger glücklich beginnen, dass aber nach fünf Jahren die Zufriedenheit der Partner die der ,Romantiker’ übersteigt.”

Comments

  1. Mai 19th, 2009 | 10:0

    Aber Hallo – erst mal ein Auto kaufen und dann fahren lernen, dass geht ja noch. Bei einer Beziehung aber die Ehe vor die (Liebes)Beziehung zu stellen, ist eine schlechte Entscheidung. Was vorher nicht funktioniert, funktioniert mit Trauschein schon gar nicht. Der einzige Unterschied bei einer Auseinandersetzung ist nur der, dass man sich nach der Eheschliessung nicht so schnell vertschüsst.

    Aber, wenn das Fundament nicht stimmt, kann ich nicht auch noch ein Hochhaus drauf stellen. Die Bude kippt sicher. Ehe ist Kompromiss – wer dazu nicht fähig ist, soll es besser lassen

  2. Oktober 7th, 2010 | 02:0

    Sehr schoen recherchiert und geschrieben – macht wirklich Spass zu lesen – bitte macht weiter so! :-)

  3. Alexander aus FFM
    September 15th, 2011 | 02:0

    Es stimmt! Dr. Epstein hat sowas von Recht.
    Erst nüchtern prüfen, ob der Partner die gleichen Wert- und Lebensvorstellungen mitbringt, dann heiraten, dann lieben.
    Liebe ist kein Gefühl, sondern eine Entscheidung/ Verpflichtung für den anderen zu sorgen bzw. zu leben.
    Liebe kann man lernen!!

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