Falsche Erwartungen
Wenn Lisa* nicht wäre,
wären Jürgen* und Andrea*
ein glückliches Paar.
Jahrelang wollte Jürgen das nicht
wahrhaben, mittlerweile ist er davon
überzeugt, spricht aber selbst
unter Freunden nicht darüber -
denn wer gesteht schon ein,
die eigene Tochter als Feindbild
zu betrachten.
Jürgens Verhältnis zu seiner Tochter war nicht immer so finster. Als er Andrea heiratete, machte es ihm nichts aus, diese Frau nur im Doppelpack zu „bekommen“. Im Gegenteil: Er wollte für Lisa wie ein leiblicher Vater sein und adoptierte sie. Aber bald stellte sich heraus, Lisa brauchte mehr als Klamotten, Eltern und Bildung. Was dieses Mehr war beziehungsweise noch heute ist, versucht vor allem Andrea herauszufinden und zu geben. Doch bisher ohne sichtbaren Erfolg, denn Lisa ist inzwischen 19 und seit zwei Jahren magersüchtig.
Als Unternehmer hat Jürgen eine Menge geschafft, als Vater sieht er sich gescheitert und als Ehemann noch so gerade am Konkurs vorbeigekommen. Was er einst an seiner Frau anerkannte und bewunderte, ist ihm heute ein Dorn im Auge. Früher gefiel es ihm, über Andrea sagen zu können: „Die kriegt wirklich alles mit links geregelt.“ Genau diese Stärke und Andreas Pflichtbewusstsein gegenüber Lisa machen ihn heute rasend. Er hält Andrea vor, für sie nur noch eine „funktionierende Nebensächlichkeit“ zu sein, sagt: „Du machst dir um Lisa und um alles hier einen Kopf.“ Aber Haushalt und Mutterpflichten seien ihr so wichtig, dass sie für Sex keinen Sinn mehr habe und ihre Beziehung den Bach hinuntergehen lasse.
Diese Erwartung führt zum Drama
Beim Paarcoaching mit der Berliner Diplompsychologin Alexandra Schwarz-Schilling (links) erfuhren weder Jürgen noch Andrea einseitigen Beistand. Stattdessen lenkte die Expertin den Blick auf die jeweiligen Erwartungen des Paares. Sie sagt: „Beide wollen in ihrer Beziehung im Grunde genährt werden. Sie wollen Fürsorge und Liebe. Aber was beide außerdem voneinander erwarten, ist eine Mama. Doch diese Erwartung führt zum Drama.“ Weder eine Frau noch ein Mann kann das leisten.
Derartige Probleme beobachtet die Psychologin nicht zuletzt in Patchwork-Familien . Sie spricht in diesem Zusammenhang von einer besonders hohen „gefühlten Verantwortung“ der Frau. Faktisch sind beide Partner auch in der Patchwork-Familie zwar gleich stark verantwortlich. Dennoch sieht sich die Frau in solchen Konstellationen in der Regel stärker gefordert, was damit zusammenhängt, dass sie zeitlich meistens mehr mit ihren eigenen Kindern und mit denen ihres Mannes beschäftigt ist und sie sich vor allem vor der Aufgabe sieht, allen eine gleichermaßen gute Mutter zu sein.
Alexandra Schwarz-Schilling hält es für natürlich, dass Frauen und Männer von ihrem Partner neben sexueller Zuwendung auch eine „fürsorgende und gebende Liebe“ erwarten, wie sie eigentlich nur Mütter leisten können. Im Coaching macht sie Paaren aber verständlich, dass sie diese Erwartung falsch adressieren. Sie sagt, da die Großfamilie so gut wie nicht mehr existiere, bräuchte die heutige Gesellschaft eigentlich das uralte System der Frauensippe. Es könnte Frauen das Gefühl geben, aufgehoben zu sein, weil sie erfahren würden, nicht als Einzige unter einem Problem zu leiden.
Seine Sehnsucht nach Wärme
Mit diesem Gedanken entbindet die Psychologin Männer nicht von ihren Aufgaben. Im Gegenteil. Sie will sie fordern, weiß aber: „Erst wenn der Mann bekommt, was er braucht, ist er bereit, seine Kraft zu geben.“ Erst so entstehe ein harmonisches Spiel zwischen Frau und Mann. „Das ist dann ein Zustand der Fülle. Aber was die Leute vielfach erleben, ist Mangel.“
Als zukunftsweisendes Beispiel nennt Alexandra Schwarz-Schilling den Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Immer wieder wird er in Medien als kinderreichster Bereich Europas genannt, was allerdings eine Ente ist. Richtig ist, dass es in Deutschland kaum einen kinderreicheren Ort gibt. Bedingt durch den massiven Zuzug von Studenten in den neunziger Jahren liegt das Durchschnittsalter der Frauen dort im besten Gebärbereich. Wesentlicher Grund für den Kindersegen ist aber, dass der Prenzlauer Berg zu einem Ort alternativen Denkens geworden ist, wo es Hausgemeinschaften sowie die unterschiedlichsten Wohnmodelle gibt und wo man familiär einander unter die Arme greift.
Als Voraussetzung für eine harmonische und erfüllende Partnerschaft nennt die Psychologin eine entspannte Atmosphäre. Aber unter Paaren, die die Wärme, nach der sie sich sehnen, nicht bekommen, kann Entspannung nicht entstehen. Stattdessen werden Forderungen ausgesprochen. Männer ziehen sich in solchen Fällen meistens zurück und fangen an, Frauen klarzumachen: „Ist doch alles gar nicht schlimm. Du machst dir um Haushalt und Kinder viel zu sehr `nen Kopf. Das kann doch nicht alles so schwer in den Griff zu kriegen sein.“
So bekommt er, was er nicht will
Aber solche Äußerungen helfen weder der Frau noch der Partnerschaft. Denn, so die Psychologin: „Ein Mann, der seine Frau auf diese Weise entwertet, erlebt zwangsläufig, dass sie sich zu macht. – Und das ist genau das Gegenteil von dem, was er will.“ Kommt es dann zur Trennung und dem Versuch, in einer neuen Beziehung das Entbehrte endlich zu bekommen, stellt sich vielfach eine neues Problem: Der Mann will kein gemeinsames Kind mit seiner neuen Partnerin. Denn Kinder sind in seinen Augen Konkurrenten, die an der Paarbeziehung nagen.
(*Name geändert)
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