Festhalten statt loslassen
Manche Beziehungsrezepte klingen so simpel, dass sie prompt auf der Halde unbrauchbarer Tipps entsorgt werden. Denn als Konsum-Menschen haben wir gelernt: Was einfach beziehungsweise billig ist, kann nichts sein. Wer davon überzeugt ist, sollte an dieser Stelle aufhören zu lesen.
Klingt unattraktiv, ist aber erfolgreich
Ein „Rezept“, für das sich die Diplompsychologin Dr. Jirina Prekop seit über 20 Jahren erfolgreich stark macht, ist die nach ihr benannte „Festhaltetherapie“. Was sich hinter diesem Begriff verbirgt, mag im ersten Moment recht unwissenschaftlich, ja, geradezu handgestrickt und unattraktiv klingen. Bereits bei dem Wort „Festhaltetherapie“ wird so manch aufgeklärter Leser denken: „Solch ein Murks. Wenn die Beziehung florieren soll, ist Loslassen angesagt. Das pfeifen doch mittlerweile sämtliche Psycho-Spatzen von ihren Praxisdächern.“
Stimmt, das tun sie. Dennoch schaffe ich’s nicht, einfach zu ignorieren, was ich über Jirina Prekops Methode gehört und gelesen habe. Auf der Website der „Gesellschaft zur Förderung des Festhaltens als Lebensform und Therapie e. V.“ (GFH) schreibt sie, ihre Methode trage zur „Erneuerung der Liebe in familiären Bindungen“ bei.
Wenn Sprache keine Lösung bringt
Die Wissenschaftlerin sagt, das Festhalten helfe Menschen, die sich in einer Krise miteinander befänden. Die feste Umarmung sei das wirksamste Medium, wenn Sprache keine Lösung bringe. Beide Personen hätten dabei das Recht, völlig offen und unverblümt – allerdings kultiviert – ihre verletzten Gefühle herauszuschreien oder zu weinen. Was dabei geschieht, nennt Jirina Prekop „eine emotionale Konfrontation von Angesicht zu Angesicht, von Galle zu Galle, von Herz zu Herz. Alles Gift muss aus dem Bauch und alle Tränen aus dem Herzen heraus, bis die Liebe wieder fließt.“
Wenn sie sagt, dies müsse kultiviert ablaufen, meint sie, es gehe nicht um einen körperlichen Kampf. Schläge, Tritte, Beißen, Unterdrückung oder Schimpfworte seien in diesem Körperkontakt verpönt. Zweck der festen Umarmung sei es erstens, Zugehörigkeit wahrzunehmen und zweitens den Vorsatz zu spüren, dass beide einander solange halten, bis der Schmerz geäußert wurde. In einer solch lang anhaltenden festen Umarmung, schaffe es der Mensch, sich in den Anderen hineinzufühlen und sich verstanden und geliebt zu wissen.
Das Besondere dieser Berührung
Ich bin überzeugt davon, dass solch inniger Körperkontakt das Bewusstsein und die Empfindung füreinander stärken kann. Denn Berührungen dieser Art und Intensität sind kaum alltäglich – und was sie besonders macht, ist: Sie führt keinen Sex im Schilde.
Was feste und bewusste Umarmung bewirkt, ist vielleicht vor allem dann zu spüren, wenn es sich beim Gegenüber nicht um einen eng vertrauten Lebenspartner oder das eigene Kind handelt. Berührungen dieser Art finden zwischen Kollegen, Bekannten oder Verwandten kaum statt. Vielleicht in traurigen Situationen, wenn es darum geht, jemanden in den Arm zu nehmen, um im schweigenden Körperkontakt ein Beileid auszudrücken, für das die Worte fehlen. Aber wenn eine solche Situation mehr als zwei Sekunden dauert, entwickelt sich unweigerlich ein Gefühl füreinander. Nicht für den Körper des Anderen, sondern durch den Körper entfaltet sich ein Gespür für die Seele dessen, der berührt und gehalten wird.
Ohne Freiwilligkeit kommt nichts Gutes dabei heraus
Jirina Prekops Methode wird von einer Reihe anderer Fachleute kritisiert. So meint beispielsweise der Bremer Erziehungswissenschaftler Georg Feuser, Prekops Therapie stelle keine schlüssige therapeutische Konzeption dar und habe demzufolge keinerlei nachweisbaren therapeutischen Wert. Andere kritisieren sie aus ethisch-humanen Gründen. Sie sagen, die Methode, einen Menschen festzuhalten, beruhe auf Anwendung von Gewalt und sei mit den Persönlichkeitsrechten nicht vereinbar. Zweifelhaft sei, wie ein „echter“ Dialog über gewaltsames Vorgehen erreicht werden könne.
Jirina Prekop sagt, Zweck der festen Umarmung sei es, Zugehörigkeit wahrzunehmen. Daraus folgere ich, wenn beispielsweise eine Frau durch ihren Partner so Verletzendes erlebt hat, dass sie seine Umarmung nicht ertragen kann, muss sie sich gegen sie verwahren. Das heißt, ohne Freiwilligkeit kommt nichts Gutes dabei heraus.
Eine Umarmung gegen die Menschenwürde
Prekops Kritiker haben jedoch mehr die Eltern-Kind-Beziehungen im Blick. Sie sagen, durch festhaltende Umarmung werde der freie Wille des Kindes gebrochen. Dazu sagt die Psychologin: „Sollte unter dem Festhalten der Willen gebrochen werden, wäre es ein unverzeihlicher Verstoß gegen die Menschenwürde.“ Um sie zu schützen, richte sich ihre Methode nach bestimmten Kriterien. Es müsse nämlich gefragt werden, was wir unter dem Willen verstehen und auf welchen Wachstumsstufen sich der Wille entwickele. „Über einen freien Willen verfügt der Mensch erst dann, wenn er zwischen Alternativen wählen kann, weil er aufgrund seines geistigen Kombinierens die guten oder die schlechten Folgen seiner willentlichen Entscheidung übersehen kann. So weit ist ein Kleinkind noch lange nicht.“
Foto: diskoscheisze
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Ich kann mir gut vorstellen, dass diese Methode sehr wirksam ist. Auf jeden Fall wird sie etwas in Bewegung bringen. Man kann jede Methode unabhängig davon, ob sie anerkannt ist oder nicht, für und gegen Menschen einsetzen, deshalb natürlich auch diese. Die Kritik finde ich deshalb ziemlich dünn und wenig stichhaltig, da Freiwilligkeit eine Voraussetzung ist. Diese “Freiwilligkeit” wäre dann bei Kindern, die sich anderen Therapieformen unterziehen, ebenso zu hinterfragen bzw. sicherzustellen.
Ich finde das Vorgehen interessant, weil es den Körper mit einbezieht. Der Körper ist direkt, lügt nicht und braucht nicht so viele Umwege. Deshalb leuchtet mir das Ganze ein. Entscheidend ist sowieso, unabhängig von der Therapieform, ob die Liebe wieder ins Fließen kommt. Der Körper merkt es auf jeden Fall sofort.
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