Geheimnis der Anziehung
Viele haben sie, jeder will sie haben und im Grunde
kann keiner genug von ihr bekommen.
Das ist auch völlig logisch, denn mit ihr lebt es
sich leichter, prickelnder, erfolgreicher.
Die meisten glauben, dieses begehrte Etwas –
genannt „Anziehungskraft“ –
durch Schönheit gepachtet zu haben.
Manchmal wird der Pachtvertrag so mancher Schönheit
allerdings von einer auf die andere Sekunde
gekündigt. Zum Beispiel dann, wenn er oder sie den Mund aufmacht und nur noch dummes Zeug aus dem schönen Gesicht sprudelt. Nach einem solchen Erlebnis fragt sich so mancher Ästhet: „Was habe ich an diesem Menschen eigentlich gerade noch schön gefunden?“
Erlebnis der anderen Art
Manchmal läuft’s aber auch ganz anders. Christian, ein Freund und Kollege, hatte solch ein Erlebnis der anderen Art. Wer ihn kennt, weiß, wie sehr er so richtig nur auf Frauen mit Modelgesichtern und den dazu passenden Proportionen abfährt.
Doch genau dieser Christian verguckte sich vor ein paar Jahren in eine Frau, die seine Großmutter hätte sein können und die in einer Haut vor ihm stand, die einer Urgroßmutter noch besser zu Gesicht gestanden hätte. Bereits vor seinem Interview mit ihr hatte er klar vor Augen, was für einer Frau er begegnen würde. Das ist kein Wunder, denn als weltweit bekannte Persönlichkeit ist das Bild dieser Frau in vielen Köpfen präsent.
Das war nicht vorgesehen
Dann die Begegnung. Christian stand ihr gegenüber, fühlte sich überrascht, weil sie noch kleiner war als er erwartet hatte. Sie schaute zu ihm empor, er blickte in ihre Augen, reichte ihr zur Begrüßung die Hand und spürte die knöcherne, verschrumpelte Hand dieser Frau in seiner. Es war wohl mindestens dreierlei, was ihn dazu führte, in diesem Moment etwas zu tun, was sein Protokoll nicht vorgesehen hatte: Ihre Gestalt, ihr offener Blick und der stumme Ausdruck ihrer Hand verführten ihn dazu, diese kleine Frau ein paar Atemzüge länger mit seinem Blick zu fixieren, als es üblich und höflich ist.
Christian hielt immer noch ihre Hand, bekam eine Ahnung davon, was sie bereits berührt, gestreichelt, be-griffen hatte. Die Frau neigte ihren Kopf, schaute ihr Gegenüber genauer an, so, als wolle sie aus dessen Gesicht lesen, was dieses Verhalten bedeutete. Dann sagte er es ihr mit einer Mischung aus Gentleman-Charme und Lümmel-Liebenswürdigkeit: „Mutter Teresa, lassen Sie mir Ihre Hand noch eine Sekunde. Ich mag Hände generell, aber diese besonders.“
Ihre enorme Anziehungskraft
Als er mir von seinem Treffen mit dem „Engel der Armen“ aus Kalkutta erzählte, nannte er diese Frau eine „äußerst attraktive Persönlichkeit“. Auf die Frage, ob er mit „attraktiv“ vielleicht „interessant“ meine, dachte er kurz nach und toppte seine gerade gemachte Aussage mit einer Korrektur: „Das Verrückte ist, mit ihrer ganzen Ausstrahlung ist diese alte Frau nicht nur attraktiv. Je länger ich sie erlebte und ihr zuhörte, desto weniger sah ich ihre vielen Falten. – Die hat eine richtige Anziehungskraft.“
Teure Attraktivität
Wie ist das möglich? Andere verausgaben sich regelrecht, um attraktiv zu sein und anziehend zu wirken. Sie investieren in Klamotten, Wellness, Schönheitsoperationen, Friseur, Kosmetik, mühen sich ab in pseudogebildeter Ausdrucksweise und Sport oder geben mehr Geld für dicke Autos aus, als ihr schmales Bankkonto hergibt.
Dies alles hilft, um in der Masse entdeckt zu werden, um attraktiv aufzufallen, aber es bringt nicht die Anziehung, die auch
bei näherem Hinsehen und auf Dauer ihre faszinierende Wirkung hat. Anziehung ist auch mit einem Gesicht möglich, das die meisten Menschen als hässlich bezeichnen. Voraussetzung ist, dass der Hässliche mit anderen Eigenschaften brilliert. Zum Beispiel mit Stärke. Aber woher ist sie zu nehmen? „Letztlich aus dem eigenen Selbstwertgefühl,“ sagt die Hamburger Diplompsychologin Andrea Köster (rechts). Sie vertritt die Auffassung: „Wenn alles da ist, aber das Selbstwertgefühl fehlt, kann keine Anziehungskraft entstehen.“
Wenn die Schönheit schwindet
Natürlich hilft der Blick auf den eigenen guten Körperbau, auf das schöne Gesicht, Selbstwertgefühl zu entfalten. Doch woher ist dieses begehrte Gut zu nehmen, wenn der Körper durch Krankheit, Alter oder Unfall seine Attraktivität verliert?
Die Bamberger Psychologin Astrid Schütz spricht in diesem Zusammenhang in ihrem Lehrbuch „Selbstwertgefühl“ von „veränderlichen Verstärkern“. Ihre Erfahrung lautet, dass selbstwertstarke Personen solchen Verstärkern wenig Bedeutung beimessen. Sie verlassen sich auf die einzige verlässliche Selbstwertquelle. Und die beschreibt Astrid Schütz folgendermaßen: „sich so zu akzeptieren, wie man ist, ohne dies von positiven Rückmeldungen oder persönlichen Erfolgen abhängig zu machen“.
So kann Attraktivität nicht wachsen
Genau damit tun sich selbstwertschwache Menschen aber so schwer. Die Forschung nennt zwar Ursachen für ein marodes Selbstbewusstsein. Ein Kind, das beispielsweise nur geliebt wird, wenn es sich wie gewünscht verhält und gute Noten mit nach Hause bringt, wird kaum Selbstbewusstsein entfalten. Ein Kind, das für seine Erfolge kein Lob erfährt, wird die gleichen Probleme erfahren. Und wer ohne klare Regeln groß wird, lernt nicht das Gefühl für „Richtig“ und „Falsch“ kennen, das ihn vor existenzieller Verunsicherung bewahrt.
Diese Ursachen zu kennen, hilft dem unsicheren Erwachsenen jedoch wenig, sicher zu werden. Wer sich nicht attraktiv und anziehend findet, neigt dazu, auf schöne Menschen zu blicken und sie automatisch für besser zu halten als sich selbst.
Überraschung nach dem Test
Andrea Köster berichtet von Studenten in den USA, die in einem Testverfahren ebenso urteilten. Als sie sich zu Beginn des Studiums kennen lernten, wurden sie aufgefordert, ihre Kommilitonen bezüglich deren Attraktivität einzustufen. Das Ergebnis zeigte eindeutig: Als attraktiv wurde empfunden, wer den üblichen Schönheitsidealen entsprach.
Am Ende des Semesters wurde der Test wiederholt. Inzwischen hatten die Studenten die sozialen Fähigkeiten und Unzulänglichkeiten ihrer Kollegen kennen gelernt. Dieses Kennenlernen führte zu einem komplett anderen Ergebnis. Nun galten die als schön, die sich als gute und soziale Menschen gezeigt hatten.
Obwohl sich im Grunde jeder physische Anziehungskraft wünscht, tun manche Menschen alles dafür, ihre Reize zu kaschieren. Wenn Frauen dies tun, stecke häufig eine Missbrauchsgeschichte dahinter, sagt die Hamburger Psychologin Andrea Köster. „Solche Frauen wollen sexuell nicht auf sich aufmerksam machen, damit ihnen so was nicht wieder passiert.“ Sie haben ihre Weiblichkeit als etwas Schlechtes erfahren und geben sich insgeheim vielfach selbst die Schuld, ihren Schänder mit ihren körperlichen Reizen verführt zu haben.
Von Eva in die Irre geführt?
Andrea Köster erinnert an das uralte System vom schwachen Adam und der verführerischen Eva. Das hat bis heute seine Gültigkeit. Auffallend wird es in Gerichtsprozessen und in der öffentlichen Meinung, die immer wieder ausdrückt, wie sehr ein Mann seinem Trieb und den Reizen einer Frau ausgeliefert ist.
Die Psychologin hält vor Augen, wie sehr Weiblichkeit noch heute als etwas Schmutziges durch die Köpfe geistert, „das Männer in die Irre führt.“ Das beweisen zum Beispiel Eltern, wenn sie ihrer fraulich reizvoll gekleideten Tochter sagen: „So wirst du doch wohl nicht aus dem Haus gehen! Was willst du denn damit erreichen?“
Sie wird wollen, was alle wollen: positiv wahrgenommen, begehrt werden, die Kraft der eigenen Anziehung erleben. Andrea Köster (links) sagt: „Das lässt sich trainieren.“ Und damit meint sie: Wer dafür sorgt, dass er sich in seiner Haut wohl fühlt, wer mit sich im Reinen ist, kommt bei anderen Menschen an. „Denn mit Selbstbewusstsein verhält man sich authentisch. Und das ist wirklich attraktiv.“
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