Liebe ART

Sprechen.  Verstehen.  Beziehung schaffen.
Dialog, der Partner schafft.
In jeder Beziehung.



Dialog-Beratung in Text und Gespräch. Themen: Persönlichkeit, Privatleben, Karriere.

Ich bestehe nicht nur aus meiner Brust

Teil II
Zurück zu Teil I

Brust2b.jpgSie denkt an ihren ersten Mann.
Mit ihm habe sie vor Jahren über
Aussehen und Attraktivität von
Frauen gesprochen und darüber,
dass so viele Männer große Brüste
lieben, sie aber sehr kleine hat.

 

 

Eine Frau mit Exklusivität

Elisa muss lachen, wenn sie erzählt, was ihr Mann damals über sie sagte: Wenn er Elisa mit einem Auto vergleiche, dann sei sie ein Saab – „ein Modell, dessen Exklusivität man erst auf den zweiten Blick sieht“.

Ihr gefällt dieser Vergleich und sie sagt: „Ich lege keinen Wert auf die offenkundigen attraktiven Reize. Wer nicht ein zweites oder drittes Mal gucken will, der kann mir gestohlen bleiben.“ Und wenn sie dies sagt, klingt es nicht wie von einer, die über Porsche herzieht, weil sie darunter leidet, nur einen Kleinwagen bezahlen zu können. Wenn Elisa dies sagt, hört man, dass sie ganz eigene Werte gebildet hat und diese wertschätzt.

Das Täuschungsmanöver

So war sie nicht immer. Manchmal bedarf es eines Schlüsselerlebnisses, um sich selbst gut zu finden und seine „Begutachter“ mit neuem Blick zu sehen. Elisa erinnert sich an eine solch ausschlaggebende Phase. Damals war sie sechzehn. Und wenn sie heute anfängt, zu erzählen, was damals passiert ist, ist es wieder da, das leicht verschämte Lachen einer Sechzehnjährigen. Sie rückt mit der Sprache über das heraus, was ihr früher nicht über die Lippen gekommen wäre: „Ich hab’ mir einen BH mit Schaumgummieinlagen gekauft, weil ich dachte, die anderen Mädchen sehen alle anders aus als ich.“ Um zu erklären, wie notwendig diese Anschaffung war, erinnert sie an die Zeit der hautengen Rippenpullis.

Mit 18 besuchte sie einen älteren Cousin und dessen Frau. Elisa erzählt, wie sie mit ihrem Verwandten am Tisch saß – „natürlich mit meinem künstlichen Vorbau.“ Dann betrat Odile, seine aus Frankreich stammende Frau, den Raum. Elisa sah sie an, betrachtete ihre knabenhafte Figur, „und da hat es bei mir auf einmal klick gemacht, weil diese Frau mit ihrer ganzen Ausstrahlung, mit ihrem Selbstbewusstsein, so ungeheuer attraktiv war.“

Attraktivität neu definiert

Elisa wurde dieses Bild nicht los. Sie nahm es am Abend mit in ihren Schlaf, „und am nächsten Morgen saß ich ohne dieses Ding beim Frühstück.“ Noch heute muss sie laut lachen, wenn sie an das Gesicht ihres Cousins denkt. „Dem ist das Kinn runtergefallen, als er meine Veränderung registriert hatte. Ich hab’ gesehen, wie es beim ganzen Frühstück in seinem Gehirn gearbeitet hat. Aber er hat nichts gesagt.“ Seit diesem Tag weiß Elisa, dass ein BH zu ihr nicht passt. Und amüsiert gesteht sie: „Seitdem laufe ich oben ohne rum.“

Im Laufe der Jahre lernte sie nicht nur Männer kennen, die den Standpunkt vertraten, weniger ist mehr. Manche haben ihr in Nebenbemerkungen zu verstehen gegeben, „dass sie es gern größer hätten.“

Von Männern erotisch abgetörnt

Und was hat Elisa dann empfunden? „Das hat mich erotisch total abgetörnt.“ Ihr ist dabei klar geworden, wie wichtig es für sie in einer sexuellen Beziehung ist, „wie mein Gegenüber auf mich abfährt.“ Ganz schwierig sei es, wenn der Partner an etwas Anstoß nehme, dass sie selbst richtig schön finde.

Spätestens seit ihrem 18. Lebensjahr kann Elisa in den Spiegel blicken und sich über die Frau freuen, die sie vor sich sieht. „Okay,“ sagt sie einschränkend, „es gab Zeiten, da hätte ich Schenkel oder Po gern etwas dünner gehabt, aber an meinem Busen hatte ich nie etwas auszusetzen.“ Im Gegenteil. Elisa gesteht, es habe eine Zeit gegeben, „da habe ich regelrecht eine Art Arroganz entwickelt.“ Sie fand die Ausstrahlung von Frauen mit großer Brust ordinär.

Ein schlimmes Zeichen

Darauf angesprochen, dass viele andere Frauen unter Form und Größe ihres Busens leiden, vergeht ihr schnell das Lachen. Sie wird still, überlegt. Dann sagt sie: „Das ist für mich ein ganz schlimmer Ausdruck mangelnden Selbstwertgefühls.“ Sie spricht aus, was diese Frauen in Kauf nehmen, dass sie „an sich herumschneiden lassen“. Elisa denkt nach und stellt schließlich ratlos die Frage: „Was machen die denn, wenn sie alt werden?“ Dann wieder Stille bis sie kurz abwinkt, als ziehe sie ihre Frage zurück: „Ich hab’ natürlich leicht reden – weil ich mich schön finde wie ich bin.“

Der Gedanke an andere Frauen scheint sie nicht loszulassen. „Da hab’ ich’s halt leicht.“ Und auf die Bitte, das ein wenig näher zu erklären, bringt sie befreit schmunzelnd ihren Partner ins Spiel: „Na ja, der ist eben auch sexuell nicht nur auf eine Stelle bei mir fixiert. Er sagt: ,Mit dir vereint zu sein, ist angekommen zu sein.’“

Im Zuge ihrer Erkrankung fragt Elisa sich manchmal, wie es für sie wäre, jetzt auf Partnersuche zu sein. Ihre Antwort: „Es wäre nicht viel anders als früher.“ Anfangs kam ihr der Gedanke, in einem solchen Fall eine „Informationspflicht“ zu haben. Aber heute sagt sie sich: „Menschen in meinem Alter können nicht davon ausgehen, dass man ganz unversehrt ist. Bei mir kommt hinzu, dass ich wieder gesund bin. Und wenn ich auf der Straße auf Männer schaue, weiß ich auch nicht, was die für einschneidende Leiden haben.“

Diesen Zeitpunkt kann man nicht planen

Elisa erwartet von einem potenziellen Partner, dass er ihre Gesamtattraktivität sieht, denn sie lebt in der Vorstellung: „Ich bestehe ja nicht nur aus meiner linken Brust.“ Irgendwann müssten natürlich die Karten auf den Tisch gelegt werden. Aber den Zeitpunkt könne man nicht planen. Elisa würde ihre Geschichte erzählen, sobald es zu zärtlichen Berührungen käme. Sie würde dann sagen: „Du musst da auf mich aufpassen, weil ich das und das hinter mir habe.“

Sich mit Freundinnen über ihr Erlebtes auszutauschen, war für Elisa nicht nur entlastend. Als hilfreich empfand sie es, wenn Frauen nicht aus eigener Betroffenheit berichteten, sondern von Erfahrungen mit anderen Erkrankten.

Das war so apokalyptisch

Mit Schrecken denkt Elisa an die Gespräche mit ihrer Freundin Renate. Sie war selbst an Brustkrebs erkrankt, hatte täglich zum Thema im Internet recherchiert und Elisa – ebenfalls täglich – aus sicherlich bester Absicht geraten, was sie zu tun und zu lassen habe. Sie führte ihr ständig vor Augen, was noch auf sie zukommen werde. „Und das total detailliert,“ sagt Elisa. „Ich konnte gar nicht mehr durchatmen. Das war alles so apokalyptisch.“

Andere hingegen, nicht zuletzt Ärztinnen aus der Familie und dem Freundeskreis, stellten ihr verschiedene Möglichkeiten vor. „Aber bei Renate hatte ich immer das Gefühl, die packt mich im Nacken und drückt mich auf die Spur.“

Für einen eigenen Weg entschieden

Für sich persönlich hält Elisa nichts davon, nach der Operation gleich in eine Rehaklinik zu gehen. Sie stellt sich vor, dort zusammen mit anderen Betroffenen in einer onkologischen Abteilung zu sitzen. „Der Austausch in einer solchen Einrichtung mag für viele gut sein, aber für mich wäre er schrecklich.“ Sie ist froh, in Form einer Gruppentherapie einen anderen Weg gewählt zu haben. In der Psychotherapie habe jeder ein anderes Anliegen. „Da steht das Thema Krebs nicht im Vordergrund. Den anderen ist es verhältnismäßig wurscht, ob ich irgendwelche Probleme oder einen Tumor hatte. Da hat jeder etwas anderes. Der Fokus wird auf mich als Ganzes und aufs Leben gerichtet. Und darum muss es gehen.“

Comments

  1. Dezember 22nd, 2007 | 11:0

    Hallo !
    Toller Artikel. Ich konnte mich garnicht wieder losreissen. Gibt es zu diesem Thema noch mehr Artikel ???
    Gruß Axel und ein frohes Fest

  2. Mai 21st, 2008 | 11:0

    Hi !
    Frauen, die so ein hartes Schicksal erleiden mussten, sind nicht zu beneiden. Meine Hochachtung gilt denen, die darüber reden und dieses Thema nicht totschweigen. Sicher gibt es bei Männern ein ähnliches Schicksal, aber eben kein so sichtbares.
    Hut ab !
    Gruß lexa

Leave a reply