In die Ehe und durch den Wind
Es beginnt wunderschön – jedenfalls
so gut wie immer. Dann wird es fad,
und ein paar Jahre später ist es
nicht mehr auszuhalten, das
Eheleben. Manchmal. Was dann
folgt, ist nicht unbedingt die
Scheidung. Allzu häufig kommt’s
schlimmer.
Es gibt Schlimmeres als Scheidung
Die hohen und weiter steigenden Scheidungsraten sind zwar übel, aber es gibt noch Traurigeres. Amerikanische Lebensversicherungen haben Studien über die häufigsten Ursachen von Selbstmord gemacht und herausgefunden: An der Spitze stehen Scheidungskonflikte, Verlust des Partners und Streit in der Familie.
Da jeder irgendwelche geplatzten Träume von ewig abonnierter Liebe kennt, könnte man glauben, die Menschen würden vernünftig werden und sich auf den amtlichen Bund fürs Leben nicht mehr einlassen. Schließlich haben sie als Vernunftwesen der triebgesteuerten Tierwelt Wesentliches voraus. Aber die Menschen heiraten weiterhin. Und zwar nicht nur jene, die aus jugendlichem Idealismus davon überzeugt sind, ihre Liebe sei anders als alle anderen, halt felsenfest und irgendwie einmalig. Nein, die Sehnsucht nach unerschütterlicher Liebe zerdeppert die sonst so bewährte Volksweisheit, das gebrannte Kind scheue das Feuer. Selbst kläglichstes Liebesscheitern lässt Menschen nicht vor einer neuen Ehe zurückschrecken. Statistiken sagen, jedes sechste Brautpaar bestehe aus zwei Wiederholungstätern.
Alles soll ganz, ganz anders werden
Dabei muss heute niemand mehr heiraten. Schließlich sind jene Eltern, Erbtanten und Nachbarn, die auf Paare Druck ausübten, so gut wie ausgestorben. Die Verliebten trauen sich dennoch. Man könnte geradezu glauben, je mehr Paare ihren Beziehungsbankrott erklären, desto mehr andere nehmen sich vor, alles ganz, ganz anders zu machen.
Geschäftsleute reagieren auf solches Vorhaben wie nie zuvor. In großen Städten verdienen Unternehmen als Weddingplaner ihr Geld, TV-Kanäle ringen mit Liebesbeziehungen um Quoten und Illustrierte wie “Hochzeits-Magazin”, “Weddingstyle” sowie “Braut und Bräutigam” um Auflagen.
Magischer Schutz vor Bedrohung
Und noch etwas ist anders als bisher: In der Wochenzeitung „Die Zeit“ sagte die Hamburger Pastorin Anne Gidion: „Die meisten Paare heiraten nicht zu Beginn ihrer Beziehung.“ Ihre Hochzeit sei kein Initiations-, sondern mehr ein Vergewisserungsritual nach Jahren des Zusammenlebens. Sie hat den Eindruck, die Menschen wollten sich mit der Ehe eine Art von „magischem Schutz“ geben. Gerade wenn die Welt als immer unsicherer wahrgenommen werde und das subjektive Gefühl von Bedrohung wachse, stehe die Sehnsucht nach einem Schutzraum im Vordergrund. Und viele Paare, die bereits seit Jahren zusammen lebten, wollten durch eine Hochzeit „noch einmal blühen.“
Aber was passiert nach der Blüte? Die Berliner Scheidungsanwältin Anne Klein, beobachtet bei Paaren eine ganz typische Art ehelicher Vertrocknung: „Etwa bei jeder zweiten Scheidung sagen die Frauen: Mein Mann redet nicht mit mir über seine Probleme. Und er hört nicht zu.“ Die Männer hingegen beklagten sich, dass sie ständig alles ausdiskutieren müssen. Außerdem sagten sie: „Ich komme nach Hause und werde überfrachtet. Ich habe keinen Freiraum, noch nicht mal in meinem Arbeitszimmer. Ich muss immer da sein.“
Stabilisatoren für die Ehe
Die Kölner Soziologen Michael Wagner und Bernd Weiß haben eine Studie über die größten Scheidungsrisiken erarbeitet. Dabei kam heraus: Eine Immobilie verbinde noch mehr als gemeinsame Kinder. Selbst die Gästezahl bei der Trauung sei nicht ohne Wirkung. Die Scheidungsanwältin Klein findet dies durchaus logisch. Sie sagt, eine solche Feier erhöhe die Scham vor einem Scheitern der Ehe und wirke daher stabilisierend.
Aber was ist der große destabilisierende Faktor in der Ehe? Vielleicht die Bequemlichkeit und auch die Einfallslosigkeit, die Paare mit der Zeit beschleicht. Wenn ich nur an den Heiratsantrag denke, mit dem alles begann, was sich großartig entwickeln sollte. Im Grunde ist er ein riesiges Kompliment für jede Frau. Vielleicht das größte. Vielleicht aber auch das letzte. Und dann?
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Das ist ein interessanter Beitrag, wie immer. Und er regt zu Gedanken an, aber auch zum Widerspruch. Ich versuche mal kurz meine Gedanken zu schildern:
Ich finde den letzten Satz am interessantesten und zugleich erscheint er mir als einer mit dem grössten Lösungspotential (angenommen es geht bei dieser Frage um eine Lösung oder andere Hoffnungsausblicke). Da beschreibst Du den Heiratsantrag als “riesiges Kompliment….Vielleicht aber auch das letzte. Und dann?”
Den ersten Teil des Satzes und diese Sichtweise finde ich sehr schön.
Aber dann kommt dieses “Lemminge-verdächtige” Ende? Warum?
Wenn dieses Kompliment so viel Positives bewirkt hat (nämlich, dass sie (oder er..) “ja” gesagt hat, dann sollte man das doch weiterhin so produktiv nutzen, oder?
Denn nur weil man den Gipfel (gibt es eine Steigerung von riesig..??) erreicht hat, heisst das nicht zwangsläufig, dass es jetzt unweigerlich bergab geht…sondern (vielleicht…auch?) gemeinsam, Hand in Hand, den nächsten Gipfel anvisiert und begeht…und merkt, dass es zusammen viel besser geht!
Vielleicht liegt es am (falsch verstandenen) Respekt vor den Superlativen des Lebens, vielleicht aber auch daran, dass Menschen (häufig immer noch) denken, der Hochzeitstag sei der “Schönste Tag im Leben”…(dabei aber lediglich eine – mehr oder minder-gelassen ertragene Ansammlung von Stress und Gästebewirten und viel zu hohen Erwartungen!!!?)
Ich finde, diese hohen Erwartungen müsste man grundsätzlich von Beziehungen fernhalten, leider eine schwierige Angelegenheit, da immer geboren aus (mehr oder weniger bewussten) Bedürfnissen und (mehr oder weniger) offen kommunizierten Hoffnungen. Keine lustige Kombination….
Dies zusammen mit der finiten Landung auf der kuscheligen “Couch der Bequemlichkeit”, dieser fehlenden, bzw. stetig nachlassenden Contenance (ein immer auch allein schon äußerliches Zeichen des Bemühens um den Partner.., wie man es bis zum Heiratsantrag wohl erfolgreich praktiziert hat…?) und angesichts all dieser existentiellen Themen auch noch komplette Abwesenheit von Humor und Gelassenheit hat selbst die hoffnungsvollst begonnene Ehe eine geringe (faire) Chance.
Nachdenklich-vergnügt-kritische Grüsse,
Christina.