Liebe mit halben Männern (Teil I)
Kai* meinte es durchaus ernst, als er Katja* einst feierlich versprach: „Ich will Dich lieben, achten und ehren alle Tage meines Lebens.“ Das war vor 15 Jahren. Im Grunde strebt der 43-jährige Berliner Anwalt auch heute nichts Anderes an. Dennoch sucht er bei einer Geliebten, was er bei seiner Frau nicht findet.
Die Untreue ihres Mannes war für Katja 15 Jahre lang so undenkbar wie für den Vatikan ein Papsttum in Frauenhand. Alles lief so geregelt. Eigentlich hätte er zufrieden sein müssen – meinte Katja. Schließlich verzichtete sie auf Karriere, bereitete ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn ein behagliches Nest und hielt Kai von allem familiärem Kleinkram den Rücken frei, damit er sich beruflich entfalten konnte. Erst in den letzten Monaten empfand sie seine Entfaltung als beunruhigend.
Trotz Nähe nicht erreichbar
Ihr war klar, dass ein aufstrebender Anwalt sich nicht täglich Punkt 16 Uhr mit Frau und Kind in heimischer Klausur abschotten kann. Aber Katja hatte den Eindruck, Kai auch dann nicht wirklich erreichen zu können, wenn er spät abends vor dem Fernseher endlich für sie greifbar war. Egal, ob sie ihm erzählte, was die Handwerker im Haus angerichtet hatten, oder ob sie ihn mit einem Katalog voll sommerlicher Urlaubsdomizile locken wollte – Kais Interesse wirkte auf Katja wie das eines Laiendarstellers, der einmal pro Jahr auf der Bühne versucht, sich als aufrichtig liebender Ehemann zu verkaufen.
Glaubhaftes Interesse zeigte er allenfalls für sein Handy. Sobald es sich leise piepend regte, übernahm es die Hauptrolle auf der heimischen Bühne ehelichen Spiels. Wenn es klingelte, drückte er es in gespielter Gelassenheit stumm, wenn es piepte, grasten seine Blicke flüchtig ab, was die Schrift im Display ihm zu sagen hatte.
Klang der Flötistin
Für Kai wurde der Piepton von Woche zu Woche mehr zum Tonangeber. Er bestimmte seinen Rhythmus. Für Katja wurde er zur schrillen Trillerpfeife, die ihren Mann von ihr weg pfiff. Irgendwann nahm sie sein Handy in die Hand. Was zahllose SMS ihr erzählten, klang nicht nach schrillen Pfiffen. Sie kamen ihr vor wie die Töne einer hingebungsvoll spielenden Flötistin, die ihr etwas voraus hatte: Sie wusste, wie dieser Mann zu erreichen war.
Der Ton dieser Frau verletzte sie. Er klang in Katja so heftig wider, dass sie glaubte, in dieser Ehe kein Gehör mehr zu finden. Was sie auch sagen oder tun würde, bei Kai würde es nicht ankommen. Er hatte sich zu weit entfernt.
Katja fiel es überhaupt nicht ein, im Ton ihrer Widersacherin Kai an sich zu ziehen. Sie setzte ihn darüber in Kenntnis, Abstand zu brauchen, forderte ihn auf, auszuziehen.
Kai fügte sich, bezog bei einem Freund Quartier.
Ungewohnte Bekenntnisse
Im Abstand zueinander wurde beiden klar, wie sehr sie trotz aller Geschehnisse Nähe wollten. Aber welchen Weg sollten sie gehen?
Wenn eine betrogene Frau wie Katja ihre Ehe retten wolle, müsse sie im Grunde etwas tun, wonach ihr spontan gar nicht der Sinn stehe. „Sie müsste ihren Mann dazu ermutigen, offen und klar zu benennen, was ihm in der Partnerschaft fehlt,“ sagt die Berliner Diplompsychologin Alexandra Schwarz-Schilling (Bild links). Beide sollten ohne Aggression benennen, was sie von ihrem Partner nicht bekommen und sich auch selbstkritisch fragen, was sie ihrem Partner nicht geben.(Weiter zu Teil II) *Name geändert
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Wie sich Dinge gleichen, ich finde mich in der Geschichte in so vielen Punkten wieder.
Wirtschaftlich abhängig von einem Mann, den ich zwar gerne habe, für seine Leistung bewundere, den ich aber immer weniger verstehe.Und wie lange es gedauert hat, bis ich erkannt habe, was MIR fehlt.Anerkennung für das “bischen Haushalt und Kinder” was ich leiste.Achtung, Zärtlichkeit,Respekt.
Vor meiner Ehe habe ich auch 18 Jahre beruflich alles erreicht, was ich in meinem Beruf erreichen konnte, habe die Welt gesehen, viele Menschen getroffen, manche begleiten mich noch heute.Aber das ist vergessen, für den , den ich geheiratet habe.
Als ich dann an Krebs erkrankte wurde ich völlig alleine gelassen.Erzähl mir nichts,damit mußt Du alleine fertig werden.Ich war aber nicht alleine.Es gab immer Menschen, die ahnten, sie wurden gebraucht und trugen mich durch die nicht einfache Zeit.Und tragen mich auch noch heute.Wie ich sie trage.
Vor 3 Jahren traf ich dann den Mann, der die Liebe meines “späten”Lebens wurde. Auch nur Geliebte, in 4. oder 5.Reihe der Baustellen seines Lebens.Und die Kraft, die mir meine wenigen Freunde geben, die trägt mich und nun auch ihn, gibt Hoffnung, Schutz,Trost,Geborgenheit,Acculadestation.5 Min fest in seinem Arm gehalten geben Mut und Kraft für den täglichen Müll des “normalen Lebens”
Auch ich habe einmal die Trauformel nachgesprochen und gemeint.Und ich LEBE sie noch heute.Ich stehe zu meinem Mann in guten wie in schlechten Tagen.Ich habe die Verantwortung für ihn und die Familie übernommen, der ich mich nicht entziehe.Und nicht entziehen werde.
Nur…..der Trauschein ist kein Papier, daß einen Besitzanspruch absegnet.
Liebe ist etwas, was unendlich ist, was gegeben werden kann, an so viele und das in so vieler Form.
Dies zu tollerieren, dazu fehlt der Gesellschaft alles.Kirche, Staat, Erziehung und damit Moralvorstellungen, an die wir uns klammern,oder uns danach zu richten haben ,verurteilen die Menschen, die nur ein wenig das suchen, was “Mensch” sein ausmacht.
“Geliebte” zu sein, ist positiv, es gibt einem selber so viel, und den anderen auch.Meinem Mann eine Frau, die Kraft und Mut hat, den Alltag auch ohne Anerkennung zu meistern, dem “Geliebten” die Kraft, seine Baustellen abzuarbeiten und uns beiden, Hoffnung.Vertrauen.Zärtlichkeit.Zuneigung.Ein offenes Ohr, offene Augen, ein offenes Herz.
Der “Geliebten” die Kraft wieder lachen zu können, Ruhe zu finden, Geborgenheit,Trost und vor allem MUT.
Nur deshalb lebe ich noch.Ohne das hätte ich den Kampf gegen Krebs nicht so weit gewonnen.
Wenn mehr Menschen dies so positv sehen würden wie ich, gäbe es mehr Freude und Freunde, auch unter Ehepaaren.
Dieses Thema ist eins der heißesten Eisen, die es gibt. Nicht umsonst tauchen in mindestens der Hälfte aller deutschen Fernsehkrimis irgendwann die außerehelichen Verhältnisse aus dem Dunkel auf und sind Anlass zum Morden.
Liebe und Eifersucht, mit die stärksten Gefühle, die die Menschen bewegen, Stoff für Dramatik seit der Antike.
So einfach ist es also nicht, nach dem Motto: hier leb ich, das ist zwar der Müll des Alltags, zur Verschönerung nenne ich aber ein bisschen Respekt, Achtung, Gebrauchtwerden, Verantwortung und Gernhaben, und hier lieb ich, so intensiv, dass mir 5 Minuten reichen. Und wenn’s alle so machten, wäre so viel mehr Liebe auf der Welt!
Solche Verhältnisse sind Arrangements, die ihren Sinn und ihre Berechtigung haben, eine Zeit lang, die aber ja nicht nur unter zwei Menschen ausgehandelt werden können , sondern es sind mindestens drei daran beteiligt, oder mehr. Sie müssen daran beteiligt sein, wenn man sich und sie ernst nimmt, das eigene, das andere Gefühlsleben.
Und dann wird’s schwierig.
Ob das mit Moral zu tun hat?. Nicht im Sinn der engen bürgerlichen Moralvorstellungen. Liebe ist ein Kind der Freiheit. Wenn sie sich dort entfernen wollte, wo sie einst geschworen wurde, wollten wir dann lebenslang auf sie verzichten? Dazu ist sie zu elementar, zu sehr mit dem Begriff des Lebens ursächlich verknüpft.
Freilich gibt es Liebe auf mehreren Ebenen. Die zu den eigenen Kindern, zu Anvertrauten, Freunden, zu Menschen, Tieren, der Schöpfung ganz allgemein.
Aber die ist hier ja nicht gemeint, und es fragt sich, ob wir sie dadurch ersetzen wollen, oder dies doch letztlich als Kompensation erfahren würden.
Was also ist unmoralisch an den so genannten „Verhältnissen“?
Sicher nicht die Tatsache, dass man sich mithilfe eines/einer Geliebten aus dem Tal, aus der Krise heraushilft. Das sind Überlebensstrategien, und so hört es sich auch bei Claudia an. Solche Strategien sind Zeichen von Lebenswillen, sind also lebendig, damit authentisch und echt. Was aber ist, wenn die Krise überwunden ist, das Tal durchschritten? Claudia sagt in ihrem comment, sie werde es auch weiterhin so halten.
Wie lange?
„Lebenslänglich“?
Da fällt mir eine Freundin ein, die jahrelang Geliebte war: “Zuerst mussten die Kinder noch das Abitur machen. Dann das Studium beenden. Als er dann zuerst noch sein Haus renovieren musste, hab ich begriffen.“
Wenn es um Liebe geht, gibt es zwei Pole, die idealtypisch sind. Und damit unrealistisch, kaum je erlebbar. Einerseits wünscht man sich, alle wichtigen Gefühle mit dem einen Partner zu teilen, mit dem man auch den größten Teil des Lebens verbringt. Wenn sich das als nicht machbar herausstellt, glaubt man, die Bereiche trennen zu können. Genauso illusorisch, darüber hinaus gefährlich.
Warum? Weil sich das Leben nicht in sauber getrennte Bereiche aufteilen lässt. Diese Art von Abspaltung macht krank. Das ist meine Überzeugung. Leben und Lieben trennen? Auf Dauer unvorstellbar Den grauen Alltag mit Gefühlen vom andern Stern zu färben ist zwar verführerisch , aber das hält keiner auf Dauer aus. Was dann passiert? Dann ist das, was man unter Liebe versteht, keine Liebe mehr, zum Beispiel.
Also überlappen sich die Dinge, und dann ist für mich die Frage: Wie viel Gemischtes verträgt der Mensch?
Und verträgt es jeder der Beteiligten gleichermaßen? Denn da sind ja auch noch die oben genannten „Dritten“. Der/die „Betrogene“, die Kinder. Wissen sie Bescheid? Oder spüren sie es „nur“? Wie gehen sie damit um? Oder schaden die Protagonisten sich selbst und ihnen mit ihrer perfekten Heimlichkeit – dem Wissen, in der Lüge zu leben?
Wem wird die Situation wirklich gerecht?
Ist es korrekt, den Lebenspartner in Unkenntnis der Wahrheit zu lassen?
Das ist eigentlich eine philosophische Frage. Was maße ich mir an, wenn ich den Menschen, der sein Leben mit mir teilt, in wesentlichen Punkten im Unklaren darüber lasse, mit wem er es eigentlich zu tun hat? Ist das nicht Entmündigung statt Verantwortlichkeit? Nehme ich ihm nicht die Möglichkeit, klar zu sehen und daraus ebenfalls lebensverändernde Konsequenzen zu ziehen? Und selbst wenn ich glaube, er/sie wolle es ja gar nicht wissen – auch diese Entscheidung darf ich ihm nicht abnehmen.
Die Lösung? Anders als Claudia denke ich nicht, dass die Geschichten sich so ähneln. Jede ist nur scheinbar typisch, und so individuell wie sie sind, müssen auch die Lösungen sein, die gefunden werden. Aber in dem Moment, wo wir sagen: und so wird es auch bleiben, haben wir den Dingen ihre Lebendigkeit entzogen. Dann geht es nicht mehr um Bewältigung schwieriger Zeiten, sondern um das Aufrechterhalten von starren Fassaden und materiellen Surrogaten, es geht um die angebliche Notwendigkeit der äußeren Umstände, damit an den unzumutbaren inneren Zuständen nichts geändert werden muss.
Ich möchte nicht, dass meine Kinder das von mir lernen. Besser, sie sehen: es gibt Alternativen zu den gängigen Lebensmodellen, (Aus-)Wege, Möglichkeiten es anders zu machen und irgendwann doch dort zu lieben, wo das Leben ist. Oder der Liebe den Platz im Leben einzuräumen, der ihr per se zusteht.
Dazu gibt’s im Übrigen ein schönes Buch: Anna Gavalda, Je l’aimais. Deutscher Titel :Ich habe sie geliebt. Könnte aber auch übersetzt werden mit : Ich habe ihn geliebt.