Liebe ART

Sprechen.  Verstehen.  Beziehung schaffen.
Dialog, der Partner schafft.
In jeder Beziehung.



Dialog-Beratung in Text und Gespräch. Themen: Persönlichkeit, Privatleben, Karriere.

Liebe mit halben Männern (Teil II)

Katja und Kai schafften das ohne fremde Hilfe nicht. Katja nicht, weil sie sich zu verletzt fühlte, Kai nicht, weil sein Nervenkostüm durch wochenlange Heimlichtuerei hauchdünn geworden war, und beide schafften es nicht, weil sie damit groß geworden waren, über intime Gefühle und Wünsche nicht zu sprechen und so manche negativen Gefühle gar nicht erst zu akzeptieren.Mit Hilfe eines Paarcoachings lernten sie, sich gegenseitig in Offenheit zu sagen, wo der Schuh drückt. Aber nicht mit Sprüchen wie: „Du hast mich ewig angelogen!“ – „Nie hast du Zeit für mich!“ – „Du hältst nie, was du versprichst!“

Dialog-b.jpgGanz neue Töne

Alexandra Schwarz-Schilling ließ beide spüren, wie anders es beim Partner ankommt, wenn Katja beispielsweise sagt: „Ich quäle mich schon so lange mit dem Verdacht herum, dass du mir etwas verheimlichst, dass du dich nicht traust, mir die Wahrheit zu sagen. Mich macht dieser Verdacht völlig fertig. Ich komme zu nichts mehr, weil mir diese Gedanken Angst machen. Ich fragte mich, ob du fürchtest, ich würde sofort explodieren, wenn du die Wahrheit sagst. Und wenn ich mir vorstelle, tatsächlich so zu sein, dann kann ich mich selbst schon gar nicht mehr ausstehen.“

Kai und Katja spürten gleichermaßen, wie sehr solche Ich-Botschaften, wie die Psychologin sie nennt, eine harmonische Gesprächsatmosphäre verbreiten. Auf diese Weise kommunizierend fühlt sich niemand beschimpft oder in die Enge getrieben. Stattdessen führen derartige Gespräche zu einem Verständnis und sogar zu einem Mitgefühl für den Partner.

Nur die halbe Wahrheit

Beim Paarcoaching gestand Kai seiner Frau, trotz seiner Affäre nur sie zu lieben. Über eine andere Tatsache sprach er gegenüber Katja allerdings nicht. Nämlich, dass er dennoch von seiner Geliebten nicht lassen könne.

ASS31.jpgIn den Augen Alexandra Schwarz-Schillings (Bild rechts) ist dies kein Widerspruch. Sie ist der Auffassung: „Dieser Mann hat in seiner Ehe weder Anerkennung noch richtige Liebe bekommen. Ob er das Haus umbaute oder sich ums Kind kümmerte – Katja hatte immer etwas zu mosern.“

Andererseits litt Katja darunter, für ihre Leistungen von Kai zu wenig Würdigung zu erfahren. Er registrierte es als selbstverständlich, dass sie auf ihre Berufstätigkeit verzichtete, dass sie ihm das bequeme Nest bereitete, dass sie ihn entlastete.

Solche Männer bekommen alle ein Problem

„Und dabei ist dieser Mann absolut kein Macho,“ versichert Alexandra Schwarz-Schilling. „Aber ein Mann bringt einer Frau in der Regel nur so viel Respekt entgegen, wie er es bei sich zu Hause als Kind erlebt hat.“ Das heißt: Wenn der Kleine beobachtet, wie Papa mit Mama umgeht, wird er als Großer kaum anders können, als seine Frau in ähnlicher Weise zu behandeln.

Bezüglich des männlichen Vorbilds, das viele Söhne begleitet, spricht die Berliner Psychologin von einem „großen Dilemma“. Sie sagt: „Alle, die von ihren Vätern lernen, wie wertlos man Frauen behandelt, die bekommen später ein Problem.“ Warum, wollte ich von ihr wissen. Ihre Antwort: „Sie sehnen sich nach einer Beziehung zu einer Frau, haben aber zumindest unterbewusst abgespeichert, dass sie sich nach etwas sehnen, was nicht so wertvoll ist, was nicht so viele Rechte hat wie sie als Mann. Das führt Männer zwangsläufig in einen Zwiespalt.“

Flasche-b.jpgSprüche im Geist der Flasche

Wie es in einem solchen Zwiespalt klingt, ist an Biertheken und in so manchen anderen Runden zu hören, wo Mann von Mann zu Mann den Mund aufmacht. Wie sehr Männer sich dort in höherer Warte positionieren, verraten sie beispielsweise, wenn sie Freunden berichten, wie sie wieder mal eine Frau „flachgelegt“ haben.

Über das, was einer empfindet, bevor und während er das Objekt seiner Begierde „flachlegt“, spricht Mann für gewöhnlich nicht. Schon gar nicht über seine Angst, nicht erfolgreich zu sein beziehungsweise als Liebhaber kritisiert oder gar verlassen zu werden.

Alexandra Schwarz-Schilling wundert das nicht. Denn zu emotionalen Äußerungen sind die meisten Jungs weder von Vätern noch von Müttern erzogen worden. Deren zumeist unausgesprochene pädagogische Maxime lautet viel mehr: „Nur eine Memme zeigt Gefühle.“

Abschied vom halben Mann

Kai übt sich mittlerweile dennoch darin, das, was ihn beschäftigt, zumindest vor Katja klar beim Namen zu nennen. Was er von sich preisgibt, klingt ihr nachvollziehbar und glaubhaft. So sehr, dass sie keinen Zweifel hat, wenn Kai sagt, er habe seine Affäre beendet. Wenn er über Gefühle redet, macht ihn die Angst, ein Weichei zu sein, nicht mehr mundtot. Denn seit Katja weiß, was in ihm vorgeht, kommt sie als Frau aus sich heraus. Alexandra Schwarz-Schilling findet das überhaupt nicht merkwürdig. Denn sie ist der Überzeugung: „Ein Mann, der seine Gefühle für sich behält, ist unvollständig.“

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