Lust ist machbar
In Sachen Lust entwickelt sich eine neue
Normalität. Das heißt: Der Mann kann immer!
Egal, ob er von einem Neun-Stunden-Verhandlungs-
Marathon mit bedrohlichem Ausgang oder mit dem
Verlust seines Arbeitsplatzes nach Hause kommt.
Sein Sex funktioniert. Auch dann, wenn sonst nichts
mehr geht – dank Viagra. Solch neue Normalität
bringt Frauen unter Druck.
Noch stimmt die Chemie nicht
Was Mann kann, können Frauen nämlich noch lange nicht. Dabei rackern Pharmakonzerne seit Jahren für die Erfindung einer Pille, die Frauen endlich gibt, was Männer bereits seit einem Jahrzehnt beglückt. Aber noch stimmt die Chemie nicht. Jene zu schluckende Chemie, die der weiblichen Libido ruckzuck auf die Sprünge hilft.
Das ist ein Problem. Schließlich leiden allein in den USA 43 Prozent der Frauen an einem gestörten Liebesleben. Das geht aus einer häufig zitierten Studie des Soziologen Edward Laumann hervor. Es wird also Zeit, dass die blaue Männerpille endlich auch im zarten Rosa zu haben ist.
Die technische Lösung fürs menschliche Problem
Nicht nur, weil Frauen ohne dieses Mittelchen gegenüber Männern ins Hintertreffen geraten. Es eilt, weil der omnipotente Mann bald tatsächlich glaubt, was er sich ohnehin schon recht erfolgreich einredet. Sexuelle Probleme sind da, um sie zu lösen. Und zwar technisch.
Männer sehen den Weg zum sexuellen Glück ziemlich mechanisch. Das sagt jedenfalls Claus Buddeberg in dem Schweizer Magazin „Weltwoche“. Buddeberg weiß, was er sagt, denn er ist Sexualmediziner und leitet die Abteilung Psychosoziale Medizin am Universitätsspital Zürich. Bezüglich männlichen Denkens spricht er vom „alten Dampfkessel-Modell“: Der sexuelle Trieb staue sich an und dränge auf Entladung – in Form einer Erektion mit Ejakulation. Wenn es am Druckaustrittsventil hapere, sei das ein mechanisches, folglich lösbares Problem.
Dieses Ding muss funktionieren. Rund um die Uhr.
Irwin Goldstein, Professor für Urologie an der Boston University School of Medicine setzt noch eins oben drauf. Im Spiegel sagt er: „Ich bin Ingenieur. Ich kann alle Gesetze der Hydraulik auf sexuelle Störungen anwenden.“
Zurück zum Druckaustrittsventil. Nun stelle man sich vor, dieses Ding funktioniert und sein Besitzer will es zum Einsatz bringen. Dann braucht er als Pendent ein Einlassventil. Es zu haben, reicht aber nicht. Dieses Ding muss auch funktionieren. Und zwar am besten rund um die Uhr und wie geschmiert.
Der Herr der Schöpfung und seine teure Idee
Wenn das nicht der Fall ist, wird der Herr der Schöpfung nachdenklich. Er zerbricht sich den Kopf, wobei er sich nicht lange mit Ursachenforschung aufhält, sondern eine flotte technische Lösung favorisiert. Er überlegt, wie es wäre, einfach das Einlassventil zu wechseln. Doch davon lässt er dann doch lieber die Finger, denn Kauf und Entsorgung des alten Teils übersteigen seine finanziellen Möglichkeiten. – Jedenfalls in vielen Fällen.
Dann fällt ihm die Lösung ein: Die Besitzerin des Einlassventils soll doch sehen, wie sie dieses Teil und sich selbst wieder flott kriegt. Schließlich hat er’s ihr doch via Viagra vorgemacht, wie sexuelle Wertsteigerung funktioniert.
Eine Investition, die die Lust in Fluss bringt
Ist dem Mann diese Lösung erst einmal eingefallen, ist er ihr schnell verfallen. Und genau darin liegt das Problem: Wer nämlich als lösungsorientierter Mann endlich seinen gedanklichen Faden durchs Nadelöhr gefriemelt hat, ist so froh, die Lösung verheißende Öffnung gefunden zu haben, dass er nichts anderes mehr denken kann.
Eigentlich schade, denn es hätte ihm mehr einfallen können als eine technische Lösung fürs schwergängige Einlassventil. Hätte er sich dessen Besitzerin einmal in Ruhe angeschaut, wäre ihm womöglich aufgefallen, dass sie sich mehr als nur Job, Hausarbeit, plärrende Kinder und einen Mann mit technischem Verständnis wünscht: zum Beispiel seine Anerkennung, Aufmerksamkeit und Zeit. Eine Investition, die die Lust in Fluss bringt.
Als seien diese Frauen krank
Leonore Tiefer, Psychotherapeutin von der New York University beklagt, mit der Sexualität werde verfahren, als habe man es mit einem Verdauungsproblem zu tun. Sie spricht von einer „Medikalisierung“, die dafür sorge, dass alle Frauen, die kein großes Interesse an Sex hätten, in den Ruch des Anormalen, Kranken gerieten. Sie glaubt, statt einer Hormonersatztherapie sei oft ein Ehemannersatz das probate Mittel.
Hier schreiben Leser zu diesem Text ihre Meinung, geben Impulse (3 Kommentare)

...Kommentare und Impulse zu den Beiträgen dieser Seite zu geben. Einfach die roten Zeilen unter den Artikeln anklicken und loslegen.
Ein phantastischer Artikel! Er zeigt Verständnis für beide Geschlechter, wobei ich mich immer wieder frage, woher das Wort geschlecht kommt….hoffentlich nicht von “schlecht” bzw. Geschlechter…also schlechter?
Der Autor zeigt Verständnis für Mann und Frau mit sehr ehrlicher Betrachtungsweise und letztendlich korrigierender Ohrfeige für unreflektiertes Verhalten von Männern, die übersehen haben, dass Ursache für Unlust – besser nicht mehr Lust – oft mit der Tatsache zu tun hat, dass wir alle, Männlein wie Weiblein, viel älter als frühere Generationen werden. Noch vor 150 Jahren starben Frauen im Alter von 40 oder 45 infolge vieler Schwangerschaften, Männer wegen Krankheiten infolge harter Arbeit als Weber, Bergmann oder Matrose.
Soll die Lust aufeinander weiterleben, dann müssen Lust am Leben, Kunst, Bildung, Ästhetik und Genuss gepflegt werden…und das hat mit Hinwendung, Zeit und Sensitivität zu tun. Und v.a. mit Lust auf Nähe, die irgendwann hormongesteuertes Verhalten ablöst.
Ich gebe Gaby Recht, der Artikel ist wirklich gut geschrieben, zumal es beide Richtungen zeigt. Ich für mich muss sagen, dass ich es als sehr belastend empfunden habe, dass nach Sex verlangt wurde…in Zeiten, wo es uns beiden sehr schlecht ging. Ich habe mich sehr unter Druck gesetzt gefühlt. Das Problem bei den meisten potenten Männer ist, wenn man nicht möchte, nicht kann, über längere Zeit hinweg, dann läuft man gefahr, dass er sich was anderes sucht. Also was tun als Frau, einfach mitmachen, egal ob frau Spaß daran hat oder nicht?
ad eins: Geschlecht kommt von slahan>schlagen,noch erhalten in der Redewendung: er ist vom gleichen Schlag. sowas findet man im Herkunftswörterbuch, auch im net verfügbar. Bildung ist kein privileg mehr, seit man googeln kann. Wahrscheinlich ist die Frage mit schlecht, schlechter ja ein kleiner Scherz.
ad zwei: es ist keine neue Erkenntnis, dass Männer “immer” können und wollen und bis ins hohe Alter zeugungsfähig sind, und dass bei Frauen angeblich mit den Wechseljahren alles vorbei ist. Wer’s glaubt…
Amerika spricht anders, da muss man auch nicht mit der lauwarmen Nähe auf dem Sofa vor der Glotze kompensieren, oder mit den “wirklichen Werten”, sondern die Hormone scheinen bis ins hohe Alter ihren Dienst zu tun.
Und das Problem, das Petite Amusée nennt (so würde sich in der Schweiz eine Frau nicknamen), ist auch kein neues, und an Viagra liegt’s ganz sicher nicht: Viagra gibt es, seit Frauen Lust haben und ihr Vergnügen im Bett wollen. Und die Frage, ob “man” (oder:sie?) “mitmachen soll, um ihn zu halten” – natürlich! Was sonst? Eine Frau kann doch ohne “ihn” nicht überleben! Und nicht vergessen: den Orgasmus täuschend echt vorgaukeln! Das erhält die Beziehung! Er wird zufrieden sein. (Und sie dann auch.) Und er sucht sich auch nicht “was” anderes. Er hat ja “was”. Viel Spaß weiterhin!