Liebe ART

Sprechen.  Verstehen.  Beziehung schaffen.
Dialog, der Partner schafft.
In jeder Beziehung.



Dialog-Beratung in Text und Gespräch. Themen: Persönlichkeit, Privatleben, Karriere.

Rituale statt Erpressung

Kerzenlichtb.jpgWenn einer behaupten würde, Erpressung in der Partnerschaft führe zu lustvoller und erfüllter Sexualität, bekäme er womöglich einen Vogel gezeigt. Jeder weitere Kommentar erschiene überflüssig. Dennoch ist Erpressung in Beziehungen durchaus verbreitet. Vor allem, wenn es darum geht, zu zweit im Bett den Himmel auf der Matratze erleben zu wollen.


Was in Partnerschaften so gut wie keiner ausspricht, steht dennoch wie ein Gebot im Raum: „Wenn du tust, was ich will, kriegst du mich auch ins Bett.“ Praktisch heißt das: Wenn du ein paar Kilo abnimmst, dann… Wenn du die Sportschau nicht einschaltest, dann… Wenn du mehr auf die Telefonrechnung achtest, dann…

Spitzfindigkeit mit tragischer Folge

Auf diese Weise wird Sexualität nicht als Weg zueinander, sondern als Instrument der Macht eingesetzt. Eine Methode, die Männer wie Frauen in gleicher Intensität und Spitzfindigkeit beherrschen. Tragisch ist, dass beide auf diese Weise nie das finden, was sie eigentlich suchen: nämlich hingebungsvolle und liebende Verbindung.

Liebendes Begehren scheint out, stattdessen eine überzogene Erwartungshaltung auf beiden Seiten alltäglich zu sein. Frau steht vor einer kolossalen Aufgabe, wenn Mann von einer Prinzessin träumt, die in der Küche wie eine Drei-Sterne-Köchin zaubert, die an seiner Seite in der Öffentlichkeit mit Bildung, Charme und Auftreten als First Lady wandelt und die sich im Bett nur für ihn zur lustvollen Edelhure verwandelt.

Vielleicht würde sie durchaus einen Reiz darin sehen, seinen Traum hin und wieder zu realisieren. Aber so viel Aufwand für einen Mann, der seine Aufgabe bereits darin erfüllt sieht, lediglich zu sein? Für einen Mann, der ihr wortlos zu verstehen gibt: „Mich zu haben, ist für dich doch alles Glück dieser Erde!“?

Sie will, aber kann nicht

Wenn Männer tief im Innern davon überzeugt sind, zum Wildern und Jagen auf die Welt gekommen zu sein, wenn sie schnell zwischendurch ihre Business-Beute vor den heimischen Herd schmeißen, um dann wieder wildernd und jagend in die Welt hinaus zu ziehen, sollten sie nicht damit rechnen, dass sich die Daheimgebliebene wie ihre Liebste gebärdet. Sie will vielleicht, aber sie kann nicht. Und wenn er dann mitten in aller häuslichen Turbulenz plötzlich will, was eigentlich auch sie will, dann kann sie erst recht nicht.

Womöglich kapiert er das nicht, wird sogar pampig, weil sie auf die rhythmische Reibung seines Körpers reagiert wie ein Benzinmotor auf eine Tankfüllung Diesel. Und wenn sie ihm dann mit aller Sensibilität zu verstehen gibt, ihr fehle das Vorspiel, dann blickt Mann völlig ratlos auf seine erstarrten Hände, lässt sie frustriert von ihren Brüsten fallen und sagt: „Ich fange doch gerade damit an!“

Eigentlich müsste die Losgelassene jetzt weiterreden, müsste ihm sagen: „Mein Vorspiel beginnt nicht auf meiner Haut, sondern bei mir im Kopf. Ich wünsche mir, dass wir uns Zeit geben und eine harmonische Atmosphäre schaffen, dass wir uns unterhalten, uns ansehen, uns zuhören und dabei mehr und mehr Lust entwickeln, aufeinander einzugehen. Wenn wir das schaffen würden, wäre ich so heiß auf dich, dass ich bereits deine Worte wie liebende Hände auf mir empfinden würde.“

Sie liebt nicht

Sagt sie das nicht und kehrt sich genervt ab, glaubt er, ihre nonverbale Botschaft genau verstanden zu haben. Mit Schrecken fällt ihm wie Schuppen von den Augen: „Sie will nicht, also mag sie mich nicht.“ Und dabei hätte er ihre Bereitschaft vielleicht gerade jetzt so sehr gebraucht, weil bereits seine komplette berufliche Woche wie eine einzige Panne verlaufen ist. Wenn sie wenigstens jetzt, in seiner miesen Situation, mitgemacht und sich – wenn auch lustlos – einfach hingegeben hätte, wäre es ihm vielleicht gelungen, seine beruflichen Misserfolge zu kompensieren.

Tage später ein neuer Anlauf unter neuen Vorzeichen: Beide haben Zeit füreinander. Sie zündet Kerzen an, schiebt eine CD ein, ist offen für ihn und für alles. Er findet’s so richtig gemütlich, entspannt sich, greift zur Fernbedienung und sagt: „Jetzt hab’ ich so richtig Lust auf einen Tatort mit dir.“ Er benimmt sich gerade so, als hätte er überhaupt nicht registriert, wie liebend gern sie an diesem Abend zum Tatort seiner Lust geworden wäre.

Hätte sie sich nicht angeboten

Hingebungb.jpgGründe, warum sich jemand als sexueller Spielverderber zeigt, gibt es viele. Vielleicht hat er sich schon seit Tagen auf die Fernsehsendung gefreut. Vielleicht will er sich für die kürzlich erlebte Lustlosigkeit seiner Partnerin revanchieren. Vielleicht ging ihm just in dem Moment, als sie das Streichholz an die Kerzen hielt, ein unterbewusstes Licht auf, in dessen Schein er sich wieder als Jäger erkannte, der sich anpirschen und erobern will. Aber an diesem Abend gibt es für ihn nichts zu erobern. Das eigentliche Objekt seiner Begierde hat sich freiwillig angeboten.

Zumindest in einer Hinsicht ist die geschilderte Beziehung beispielhaft: Denn Frauen begehren am stärksten, wenn atmosphärisch alles passt, Männer hingegen in solchen eigentlich günstigen Momenten am wenigsten. Aber wie kann es dann sowohl zu sinnlicher wie auch körperlicher Nähe kommen?

Das Ritual

Eine Voraussetzung dazu ist sicherlich, dass beide sich über ihr gemeinsames Dilemma klar werden und es aus der Welt schaffen wollen. Wenn das der Fall ist, könnten sie Nähe ritualisieren. Rituale sind nicht nur im kirchlichen Raum zu Hause, wo sie Menschen mit Düften, Klängen und erhebender Optik berühren und deren Sinne öffnen. Rituale haben eine Außergewöhnlichkeit, bestehen aus Regeln und können ebenso gut für zwei eine feierliche Atmosphäre herbeiführen. Die Regel eines partnerschaftlichen Rituals könnte lauten: Gemeinsam bestimmen wir einen Tag pro Woche, an dem wir den Abend frei jeglicher Verpflichtungen und Aufgaben zusammen verbringen. Wenn das Telefon klingelt, beachten wir es nicht, keiner schaltet den Fernseher ein oder kontrolliert den Eingang seiner Mails.

Das Paar sollte allerdings ohne größere Erwartungen in diese Abende gehen. Erwartungen können in diesem Fall auch dazu führen, dass beide sich unter Druck gesetzt fühlen, während sie eigentlich vorhaben, sich gelöst und offen auf ihr Gegenüber einzulassen.

Wer sich zu einem solchen Ritual entschließt, wird anfangs nicht nur Angenehmes feststellen, denn eine Auszeit für die Liebe bringt ungewohnten Leerlauf mit sich. Hier gibt es keine Aufgaben und auch nicht sofort Sex, sondern lediglich die selbst auferlegte Pflicht, zuhörend und mitteilend aufeinander einzugehen.

Nur Platz für Schönes

Es ist durchaus verständlich, dass sich so mancher vor derartiger Zweisamkeit fürchtet. Schließlich kann es passieren, dass einer von beiden die ungewohnte Ruhe nutzt, um endlich mal das unangenehme Thema auf den Tisch zu bringen, dass ihm schon so lange unter den Nägeln brennt. Um das zu vermeiden, sollte eine Regel des Rituals lauten: „An diesem Abend ist nur Platz für Schönes.“

Beide können vereinbaren, dass sie abwechselnd vorschlagen, wie der nächste Abend gestaltet werden soll. Dabei kann es passieren, dass der, der sich etwas wünschen darf, keine Idee hat. Aber das macht nichts. In einem solchen Fall sagt die Regel: „Wenn ich keinen Vorschlag machen kann, gehe ich dem Wunsch des Anderen nach und tue mit ihm, was er sich wünscht.“

Wenn das Paar gelernt hat, sich in dieser Weise aufeinander einzulassen, werden beide feststellen, wie gut ihnen ihr Partner tun kann. Denn einer spürt vom Anderen, dass er ihm wichtig ist.

Comments

  1. Oktober 7th, 2009 | 06:0

    Komplizierte Situationen in verständlichen Worten beschrieben. Schön, daß es Menschen gibt, die so etwas nich vor der Öffentlichkeit fernhalten und nur bezahlbar zugängig machen.
    Danke auch, für eine menge Selbsterkenntnis, die mit dem Lesen einhergeht.

    Herzliche Grüße

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