Sie werden die Lust nie los
Vor Jahrzehnten verhalf er jungen Paaren
sexuell auf die Sprünge, heute engagiert
er sich für die Erfüllung der (geheimen)
Wünsche älterer Menschen. Oswalt Kolle,
Symbolfigur der sexuellen Revolution in
den Sechzigerjahren, rüttelt auch mit fast
80 Jahren leidenschaftlich an Tabus.
“Das ist doch peinlich.”
Der Journalist, Autor und Filmemacher mag keine Vorurteile. Schon gar nicht die Ergebnisse einiger Umfragen, nach denen die meisten jungen Menschen in Deutschland glauben, Sex finde ab 45 nicht mehr statt. Diese Annahme, dass dann alles zu Ende sei, nennt Kolle in einem Interview mit dem Bayrischen Rundfunk „erschreckend“. Er vermutet, junge Menschen wollten nicht, „dass Papa und Mama noch Sexualwesen sind.“
Ältere Menschen hätten diesbezüglich vielfach auch selbst ein ungutes Gefühl, denn sie sagten: „Das ist doch peinlich, wenn ich in meinem Alter noch mit Sexualität daherkomme.“
Fallstricke auf dem Weg ins Bett
Kolle räumt ein, viele ältere Menschen hätten durchaus Schwierigkeiten in der Sexualität. Dies jedoch schon allein wegen der Gedanken, die ihnen durch den Kopf gingen: „Ich bin alt, ich bin nicht mehr so attraktiv, es ist doch peinlich, wenn ich Sexualität haben möchte.“
Natürlich gebe es auch andere, die sagten: „Ich will mich nicht zwingen lassen.“ Dies zu äußern, sei selbstverständlich richtig, denn Sexualität müsse freiwillig geschehen. „Aber den Leuten Mut zu machen, die auch im Alter noch Sexualität haben wollen, die noch auf der Suche nach einem neuen Partner sind, und denen zu sagen, wo die Fallstricke liegen, an denen sie scheitern können, finde ich sehr wichtig.“
Widerspruch
Wichtig sei es auch, Menschen zu sagen: „Wenn es aus irgendwelchen Gründen gar nicht mehr geht, dann gibt es heute Möglichkeiten, dies zu ändern. Die Ärzte haben dafür wirklich gute Möglichkeiten gefunden, also nutzt sie auch.“
Auch bezüglich Viagra vertritt Oswalt Kolle eine klare Meinung. Wenn behauptet werde, mit solchen Medikamenten sei „das Ganze nicht mehr spontan“, antworte er: „Was reden Sie denn? Es ist nicht mehr spontan, wenn es ein Stress ist, wenn der Mann keine Erektion mehr hat oder die Frau nicht mehr kann oder keine Lust mehr hat. Das ist Stress im Bett.“
Immer dieselben Fragen und Unsicherheiten
Aber auch in diesem Bereich sei es vor allem wichtig, darüber zu reden. Paare sollten sich gegenseitig sagen können, was sie miteinander wollen. „Und wenn man älter ist, dann sollte man das inzwischen doch wirklich können.“
Der verbreiteten Meinung, Sexualität werde mit steigendem Alter ganz anders, hält Kolle entgegen: „Nein, das sind dieselben Gefühle wie als junger Mensch auch. Wenn ich mich heute in eine zehn Jahre jüngere Frau oder auch in eine Frau in meinem Alter verliebe, dann habe ich dasselbe Problem wie früher – und sie mit mir auch: Wie weit gehen wir jetzt? Was wollen wir eigentlich voneinander? Wollen wir überhaupt Sexualität? Welche Art von Sexualität? Wollen wir uns nur streicheln, oder wollen wir richtig Geschlechtsverkehr haben? Wollen wir eventuell Mittel nehmen?“
Männer und Frauen könnten sich heute zahlreiche Mittel geben lassen, um ihre sexuelle Lust wieder zu wecken. „Man muss halt wissen, was es alles gibt, und man muss miteinander reden darüber.“
“Ich habe mehr Lust denn je.”
Oswalt Kolle hat sich oft den Vorwurf anhören müssen, er habe den Menschen durch viele öffentlich dargestellte Sexualität die Lust genommen. Dazu meint er, das beste Beispiel, das man dadurch die Lust nicht verliere, sei er selbst. „Ich habe mich 50, 60 Jahre lang beruflich mit Sexualität befasst: Ich müsste daher demgemäß so lustlos wie ein Frosch sein. Aber ich habe mehr Lust denn je,“ sagt der Mann, der am 2. Oktober 2008 seinen 80. Geburtstag feiert. „Ich finde es immer noch ungeheuer spannend, zu flirten und zu erleben, was gut gelebte Sexualität bedeutet.“
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Liebe und Sexualität auch noch im Alter zu erleben, ist doch das Schönste, das einem widerfahren kann, sei es mit dem eigenen langgewohnten und vertrauten Partner oder auch mit einem neuen Partner, den es noch zu erkunden gilt.
Leidenschaft, Lust und Erotik empfinde ich selbst mit zunehmendem Alter viel intensiver. Die Kinder sind erwachsen und aus dem Haus, Verhütung ist kein Thema mehr. Das Ausleben von Sexualität richtet sich nicht mehr nach der Uhr oder danach, wann die Gelegenheit günstig ist oder die Umstände gerade passend. Sexualität kann mit zunehmendem Alter viel entspannter und freier, und damit auch spontaner, erlebt werden.
Gut gelebte Sexualität ist keine Frage des Alters, sondern eine Frage der eigenen Akzeptanz, zu seinen Bedürfnissen zu stehen und sie auszuleben. Das ist nicht peinlich, sondern mutig.