Vertrauter unbekannter Partner
Sie kennen Ihren Partner?
Irrtum! Sie kennen einen Teil
von ihm. Aber Sie können
mehr über ihn erfahren.
Mehr erfahren, als einem lieb ist
Wenn Beziehungen eingeschlafen sind, wagen Paare vielfach einen letzten Versuch, um wieder Anziehung füreinander zu entdecken: Sie gehen zur Paartherapie – mit dem Ergebnis, dass sie das Gefühl haben, sich dort erst richtig kennen zu lernen. Und zwar „manchmal mehr als ihnen lieb ist“, sagt der Heidelberger Diplompsychologe Professor Ulrich Clement (Foto) in einem Interview mit dem Magazin „Stern“.
„Es ist einer der verbreitetsten Irrtümer,“ sagt Clement, „dass man den Partner kennen würde, nur weil man mit ihm zehn oder zwanzig Jahre gelebt hat. Man kennt ihn nur, weil man ihm immer dieselben Fragen stellt.“ Der Psychologe regt Paare dazu an, unübliche Fragen zu stellen, denn er ist der Auffassung, in dem, was die Partner einander nie mitgeteilt haben, stecke das größte Potential, um ihre Beziehung zu ändern.
Worin Frauen nicht gut sind
Das klingt leichter als es ist. Clement formuliert es als „die größte Schwierigkeit, selbst zu sagen, was man will. Das sei schwieriger, als die Wünsche des Partners zu ertragen. „Besonders Frauen sind sehr klar darin, was sie nicht mehr wollen. Aber sie sind nicht gut darin, zu dem zu stehen, was sie stattdessen wollen.“
Wenn beide beispielsweise unterschiedliche sexuelle Bedürfnisse haben, liege der Gedanke nahe, beide suchten sich am besten jeweils einen eigenen Therapeuten. Aber genau das sei nicht der richtige Weg, sagt Clement. Das sexuelle Profil in Anwesenheit des Partners herauszuarbeiten, sei konfrontierender und damit auch produktiver. Die meisten beschuldigten ihren Partner, sich nicht zu den eigenen Wünschen zu bekennen, nach dem Motto: „Ich sag nichts, denn er erfüllt es ja sowieso nicht.“ Ulrich Clement räumt ein, es brauche Mut, Farbe zu bekennen, ohne zu wissen, wie der Partner darauf reagiert.“
Angst, der Partner könnte die Brocken hinwerfen
Da werde auf einmal die Angst spürbar, der Partner könnte die Brocken hinwerfen. Clement spricht in diesem Zusammenhang von einer erforderlichen Güterabwägung: „Gehen wir in die Risikozone oder bleiben wir in der Komfortzone?“ Darum klärt der Heidelberger Professor zu Beginn „immer den Preis der Veränderung und den Preis der Nicht-Veränderung ab.“ Mit dem Ergebnis, dass viele Paare dann lieber die Therapie abbrechen – „Hauptsache wir verstehen uns gut.“
Eine harte Konfrontation
Aber wer seine Beziehung ändern wolle, sagt Clement, brauche den Mut, sich dem anderen zuzumuten. Oft sei es die härteste Konfrontation zu sagen: Ich bin so.
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