Liebe ART

Sprechen.  Verstehen.  Beziehung schaffen.
Dialog, der Partner schafft.
In jeder Beziehung.



Dialog-Beratung in Text und Gespräch. Themen: Persönlichkeit, Privatleben, Karriere.

Von der Mutter verhext

Hexe-b.jpgUte und Thomas hatten sich
von diesem Abend viel versprochen.
Endlich wieder zusammen essen gehen. -
Kurz nach acht: Mario hatte die Bestellung
gerade aufgenommen, ließ Wein aus der
Karaffe in die Gläser plätschern.
Ein Klang, der im leisen Lautsprecherduett
mit Eros Ramazzotti bei Ute ankam
wie eine zärtliche Entführung
in den südlichsten Zipfel ihrer Wünsche.

Sie nahm einen Schluck, schaute Thomas an, ließ ihn ohne ein Wort wissen: „Es ist schön mit dir.“ Der Blick ihres Mannes versuchte dasselbe zu sagen. Thomas nahm auch einen Schluck, stellte sein Glas wieder hin, schaute nervös auf seine Uhr, trank noch einmal, und Ute hatte das Gefühl, ihr Mann registriere überhaupt nicht, ob er Bier, Leitungswasser oder Pinot Grigio in sich hineinkippt.

Ute ahnte, was Thomas beschäftigte, strengte sich an, weiterhin entspannt zu wirken.

Mann-b.jpgEin Abend auf heißen Kohlen

Seeteufel und Pasta waren gut, aber nicht gut genug, um Thomas zu verführen, sich mit Ute zwei Stunden lang wie ein Fisch im Wasser zu fühlen, allen Druck einfach verschwimmen zu lassen. Als Thomas zum wiederholten Mal so unauffällig er nur konnte auf die Uhr geblickt hatte, ließ Ute ihre echte Stimmung heraus: „Warum hast du nicht gleich gesagt, ,ich hab’ heute keine Zeit, auszugehen.’“

Er sah seine Frau an wie ein Schuljunge, den der Lehrer gerade beim Mogeln erwischt hat. Ebenso unprofessionell versuchte er, sich zu rechtfertigen: „Wieso? Ich hab’ doch Zeit. Ich weiß gar nicht, was du hast.“

Das falsche Wort

„Fragt sich nur, wie lange. – Klingelt gleich dein Handy oder hat sie dich schon herbestellt?“

Das hätte Ute nicht sagen sollen. Das Schuljungengesicht bekam schlagartig Terminatorzüge. Thomas wedelte mit seinem Arm durch die Luft, der Kellner sah es und fragte, ob er noch etwas bringen könne. Thomas’ knappe Antwort: „Ja, die Rechnung.“

Ute sagte erstmal nichts, warf ihrem Mann einen verbitterten Blick zu und fasste sich auf den Bauch wie sie es immer tat, wenn ihr Magen nicht mitspielte. Dann rückte sie sich auf dem Stuhl in aufrechtere Haltung und machte ihm klar: „Ich lasse nicht einfach so auf mir herumtrampeln. Dies ist unser Abend. Wir haben ein Recht darauf. Und ich bin nicht mehr bereit, mir von dieser Hexe alles kaputt machen zu lassen.“

Übles Ende eines verheißungsvollen Abends

Das war etwas zu laut. Thomas sah um sich herum lauter Gesichter, die so taten, als hätten sie nichts mitbekommen. Er stand auf und zischte seine Frau an: „Du kannst ja bleiben. Ich gehe.“ Er ging. Sekunden später ging auch Ute.

Sie stiegen ins Auto, fuhren ohne ein Wort zu wechseln nach Hause.

Thomas hielt mit laufendem Motor vor der Garage, Ute wünschte ihm mit bissigem Ton noch einen „wunderschönen Abend“, stieg aus, knallte die Wagentür zu und verschwand im Haus.

Ihr Mann trat aufs Gas und entlud auf dem Pedal einen Teil dessen, was in ihm kochte.

Endlich am Ziel

Der Weg zum Ziel war nicht lang genug, um Abkühlung zu bringen. Thomas stand vor der Haustür, klingelte und rang hektisch um Ausgeglichenheit. Die Tür ging auf und er hörte seine Mutter sagen: „Junge, lebst du auch noch?!“

Thomas sah sie an, als habe er nicht richtig gehört. Sein Blick wurde der eines Gegners. Er drängte sich an seiner Mutter vorbei ins Haus, forderte sie auf, die Tür zuzumachen und fragte sie lautstark, ob es ihr plötzlich nicht mehr reiche, ihm ständig die vereinsamte, herzkranke Witwe vorzuspielen, die nichts mehr alleine schafft. „Leidest du jetzt auch noch an Gedächtnisschwund und hast vergessen, dass ich noch vorgestern den ganzen Abend hier bei dir gesessen habe?“

Messer-b.jpgEr hat es nicht getan

Thomas wollte ihre Antwort überhaupt nicht hören, wollte auf dem Absatz kehrt machen und sich ins Auto setzen. Aber die Frau sah ihren Sohn an, als sei er mit dem Messer auf sie losgegangen, drückte ihre linke Hand auf die Brust, schnappte mit großen Augen nach Luft und vermittelte ihm wortlos aber todsicher, was er angerichtet hatte.

Thomas wusste genau, was jetzt zu tun war. Er wusste es seit Jahrzehnten, kannte jeden Griff. Er half seiner Mutter, sich zu setzen, lief zum Küchenschrank, griff zielsicher hinein, schnappte sich ein Fläschchen, ließ ungeduldig zehn Tropfen auf einen Löffel fallen, schob ihn seiner Mutter zwischen die Lippen, setzte sich neben sie und blieb, bis er das Gefühl hatte, als halbwegs guter Sohn das Haus verlassen zu können.

Finstere Ruhe im Haus

Als er nach Hause kam, wunderte es ihn nicht, dass seine achtjährige Tochter fest schlief. Aber auch Ute lief ihm nicht mehr über den Weg. Sie hatte das letzte Licht bereits ausgeknipst.

Christiane-b.jpgSie musste etwas gegen ihre immer häufiger auftretenden Magenprobleme unternehmen. In der Praxis für psychologische Kurzzeitberatung von Dr. Christiane Seidenberg (rechts) sprach die 32-Jährige darüber, äußerte aber sofort den Verdacht, die Ursache für ihre Beschwerden lägen gewiss nicht nur im Magen: „Ich habe das seit zehn Jahren, seitdem ich verheiratet bin.“

Bald kam das Gespräch auf ihre Schwiegermutter. Ute sagte: „Als wir vor fünf Jahren bei ihr auszogen, dachten wir, es würde alles besser. Aber die bestimmt immer noch unser Leben. Jeden Tag. Meinem Mann sagt sie ständig, was er für sie tun soll und was sie alles für ihn getan hat. Und wenn er nicht sofort reagiert, zeigt sie uns, wie schlecht es ihr geht. Aber die ist kerngesund.“

Ein solches Verhalten ist emotionale Erpressung

Christiane Seidenberg nennt solches Verhalten „emotionale Erpressung“. Schwiegermütter verhalten sich meistens dann so, wenn ihr Mann seine Rolle als Partner nicht ausreichend erfüllt. Früher sind solche Situationen vielfach durch den Krieg entstanden, heute durch starkes berufliches Engagement oder beispielsweise dadurch, dass der Mann mehr Zeit in sein Hobby als in seine Frau investiert.

In solchen Fällen behandeln Mütter ihr Kind – und zwar meistens den erstgeborenen Sohn – wie einen Ersatzpartner. Solch ein Junge wird wie ein Ehepartner ins Vertrauen gezogen und mit Themen konfrontiert, die ein Kind überfordern. Für besonders fatal hält Christiane Seidenberg, „wenn Söhne spüren, dass sie im Zweifelsfall nicht für den Vater, sondern für die Mutter Partei ergreifen sollen.“

strick-b.jpgFatale Verstrickung

Das heißt, das Kind ist in ein Dreieck verstrickt. Nicht nur Christiane Seidenberg, sondern die Psychotherapie vertritt allgemein die Auffassung: „Ein solcher Vorgang ist emotionaler Missbrauch.“

Die Ärztin hält diese Definition keineswegs für übertrieben. Sie sagt: „In der Psychotherapie werden emotionaler und sexueller Missbrauch als gleich schwer angesehen.“

Die Schwere dieses Missbrauchs beschreibt Christiane Seidenberg, indem sie sagt: „Der Sohn ist Opfer seiner Mutter und dann wird er zum Täter in seiner eigenen Ehe.“

Er ist damit aufgewachsen, täglich Schuldgefühle erfahren zu haben – weil er seiner Mutter nicht genug bei der Hausarbeit half, weil er Zeit mit Freunden oder der Freundin statt mit ihr verbrachte, weil er nicht häufig genug ein Offenes Ohr für ihre Probleme hatte.

Generationen-b.jpgGenau auf die Herkunftsfamilie schauen

Gegenüber seiner Mutter konnte er sich einem Übermaß an aufgetragener Verantwortung nicht erwehren. Aber gegenüber seiner eigenen Frau kann er es endlich. Und er tut es. Schließlich will er die Hölle, die er als Kind durchlief, nicht noch einmal durchlaufen. Christiane Seidenberg benutzt den Begriff „Herkunftsfamilie“ und erklärt, was dahinter steckt: „Was jemand dort nicht bekommen hat, versucht er später bei seinen Kindern zu bekommen. „Und auf diese Weise wird das leidvoll Erlebte leider wie eine Stafette von Generation zu Generation weitergetragen.“

Mit dieser Tradition kann nur brechen, wer die Kraft hat, die Stafette, die er trägt, fallen zu lassen. Nur dann ist das Drama beendet. Aber solange der Mann diesen Handlungsbedarf nicht begreift, wird er wie gewohnt mit seiner Mutter kommunizieren. Und das heißt: Er schmeißt sie allenfalls voller Aggression vorne aus dem Haus und lässt sie hinten wieder reinkommen.

Meistens spüren solche Männer, wie falsch sie sich verhalten. Um endlich gesund zu agieren, brauchen sie jedoch jemanden, der ihnen den gesunden Weg vermittelt. Aber als Vermittlerin ist kaum die eigene Frau geeignet, sondern eine Autorität, die von außen kommt.

Doch was ist mit den Schwiegervätern? Die verhalten sich in aller Regel nicht so schädigend. Nicht, weil sie die besseren Menschen sind, sondern weil sie es meistens nicht nötig haben, sich an ihren Kindern zu vergehen. „Die meisten von ihnen haben ein so aktives Betätigungsfeld,“ sagt Christiane Seidenberg, „dass sie sich ausgefüllter als Frauen fühlen und derartiges Klammern nicht nötig haben.“

Die Ärztin glaubt, dass vor allem jene Frauen auf solche Männer hereinfallen, die Gleiches in ihren Familien erlebt haben, die damit aufgewachsen sind, dass über keinen Missstand gesprochen und dass er schon gar nicht nach außen getragen wurde. Sie spricht in diesem Zusammenhang von „disfunktionalen Familienstrukturen“.

Hierarchien-b.jpgMutig und offen über Hierarchien reden

Christiane Seidenberg hält es für die zentrale Aufgabe der Partner, miteinander sprechen zu lernen – auch über Hierarchien innerhalb der Familie. Daraus folgt ihrer Meinung nicht, zu dem Schluss zu kommen, eine alte, gesundheitlich hinfällige Schwiegermutter auszustoßen. „Wenn beide zu dem Schluss kommen, dass es wichtig ist, kann der Mann natürlich auch an so sensiblen Tagen wie Weihnachten zu seiner Mutter fahren. Aber dann sollte er seiner Frau auch eindeutig klarmachen, was er ihr dafür gibt.“

Comments

  1. Juni 29th, 2009 | 04:0

    Natura Vitalis…

    Wirklich ein Informativer Blog. Sehr gut! Weiter so!…

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