Liebe ART

Sprechen.  Verstehen.  Beziehung schaffen.
Dialog, der Partner schafft.
In jeder Beziehung.



Dialog-Beratung in Text und Gespräch. Themen: Persönlichkeit, Privatleben, Karriere.

Was nicht über die Lippen kommt

Briefb.jpgSie weiß es ganz genau. – Schließlich
hat er es ihr gesagt. Und das nicht
nur einmal. Sie weiß zwar nicht mehr,
wann sie es das letzte Mal gehört
hat, aber sie erinnert sich dran,
es gehört zu haben. Sie zweifelt
auch überhaupt nicht an seiner
Aussage. Im Grunde nicht. – Oder
doch? Nein, eigentlich nicht,
denn er ist ein Mann, der meint,
was er sagt. – Meistens.

Ihr Problem ist nur, dass sie erwartet, einer, der sagt, dass er sie liebt, müsste sich auch auf der ganzen Linie so verhalten wie einer, der sie liebt. Er müsste unruhig werden, wenn er sie ansieht, müsste seine Finger nicht mehr bei sich halten können, wenn sie sich nur für ihn so gekleidet hat, dass alle anderen Männer auf heiße Gedanken kommen. Ja, der müsste doch wie elektrisiert reagieren, wenn mitten im Gedränge ihre Brüste seinen Arm streifen und sie ihn so ansieht, wie sie nur ihn ansehen kann.

Aber er legt seine Hände allenfalls mit Zurückhaltung auf ihren Körper. Wie einer, der im Autosalon seine Finger wertschätzende über eine glänzende Karosse gleiten lässt, die ihm noch nicht gehört.

Sie jedoch will genommen werden. Will, dass er sich greift, was er braucht. Zärtlich und wertschätzend und wild und – egal wie, wann und wo auch immer. Wenn’s sein muss mitten im Autosalon. Und das wie einer, der für Kostbares nicht bezahlt. Nie. Nicht, weil er sich das Kostbare nicht leisten könnte, sondern weil er zum Bezahlen keine Zeit hat.

Wenn er das wüsste.

Wenn’s ihm jemand erzählen würde, würde er es nicht glauben. Wenn sie es ihm sagen würde… Er würde sich kneifen, um sich zu vergewissern, keinen erotischen Traum geträumt zu haben. Sobald er sich von seinem Wachzustand überzeugt hätte, würde er sich fühlen wie ein pubertierender Jüngling, der in den Startlöchern hockt, um im nächsten Moment einem Ziel entgegen zu sprinten, das er nicht kennt, von dem er aber dennoch weiß, dass es himmlisch ist.

Er weiß es aber nicht. Wird es vielleicht nie erfahren. Denn was sie sich wünscht, bringt sie nicht über die Lippen.

Und wenn sie wüsste, was er nicht über die Lippen bringt…

Dabei ist es ganz einfach, das Unaussprechliche mitzuteilen. Beide könnten es sich schreiben. Und das so spitz, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Was auf diese Weise ausgetauscht wird, ist weitaus mehr als eine Info. Denn Geschriebenes ist tausendmal besser dazu geeignet, es sich wieder und wieder auf der Zunge zergehen zu lassen als ein im ungünstigen Moment gesprochenes Wort.

Und selbst dort, wo die sehnlichsten Liebeswünsche offen ausgesprochen werden, schenkt der Brief eine vitalisierende Kraft, die das gesprochene Wort kaum geben kann. Er wirkt wie das Zeugnis, das der Chef seinem scheidenden Mitarbeiter geschrieben hat. Der Mitarbeiter kann noch so oft gehört haben, wie sehr seine Arbeit und sein Wesen in der Firma geschätzt werden – wenn er es schwarz auf weiß formuliert in der Hand hat, wirken dieselben Worte wie eine Injektion, die in die Seele geht.

Während allerdings das Mitarbeiterzeugnis das Ende einer Zusammenarbeit besiegelt, eröffnet der Liebesbrief die Perspektive auf eine lustvolle Zukunft.

Und wer sich nicht traut, zu schreiben was er denkt, dem sei gesagt: Ein Brief ist der geborene Liebesbote, denn er wird selbst bei den direktesten Äußerungen mit Sicherheit nie rot.

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