Wenn ältere Frauen junge Männer lieben
Was steckt dahinter, wenn Frauen
jüngere Partner haben?
Wollen sie nur wissen, was es bedeutet,
wie Madonna, Iris Berben (Foto) oder
Desirée Nosbusch zu lieben?
Männer, die sich nur noch verwalten
Brigitte Brandstötter weiß, dass mehr dahinter steckt. Die österreichische Soziologin hat sich in ihrer Doktorarbeit mit dieser gesellschaftlichen Tendenz befasst. Ihr Thema: „Das neue Rollenbild ungleicher Paare“.
Ich unterhielt mich mit ihr und fragte: „Kann es sein, dass gleichaltrige Männer nicht bereit sind, sich auf ein modernes Frauenbild einzulassen – nämlich darauf, dass Frauen selbstbewusst sind, dass so manche mit 45 Jahren noch einmal anfangen zu studieren, beruflich Erfolg haben und finanziell unabhängig sind?“
„Ja,“ sagt Brigitte Brandstötter (links), „die weibliche Rolle ist heute von Veränderungen geprägt. Viele Männer ab 50 hingegen verwalten sich nur noch und tun so, als hätten sie keine prickelnde Zukunft in Sicht.“
“Bei ihm kann ich sein wie ich will”
In ihren wissenschaftlichen Untersuchungen befasste sich die Doktorandin mit so genannten ungleichen Paaren, die mindestens seit drei Jahren zusammen waren, die ihre Beziehung vor der Öffentlichkeit nicht verheimlichten und mindestens sieben Jahre Altersunterschied aufwiesen.
In zahlreichen Gesprächen stellte sich heraus, dass es nicht in erster Linie Sexualität war, die ältere Frauen in die Arme jüngerer Männer trieb. „Sicher sind diese Frauen interessiert an einer lebendigen und erfüllenden Sexualität, aber zuerst einmal ging es ihnen um eine Art wohltuender Kameradschaft.“ Eine Frau habe ihr gesagt: „Bei diesem jungen Mann kann ich sein wie ich will.“ Und das heiße zum Beispiel selbständig, kreativ, neugierig zu sein und erwartungsvoll ins Leben zu blicken.
Die Stärke reifer Frauen
Das passt zu einer Aussage, die die deutsche Soziologin Dr. Ursula Richter gegenüber „Welt online“ machte: „Mit 40 geben Frauen Gas, Männer bleiben in der Midlife Crisis stecken.“ Ältere Frauen seien gelassener, toleranter, erfahrener und hätten einen klaren Lebensentwurf im Kopf. Sie machten konkrete Aussagen, verlangten weniger Emotion und böten rationale Erklärungen. Zudem machten sie ihr Glück nicht vom Partner abhängig.
Alle Frauen, die Brigitte Brandstötter interviewte, waren vor ihrer ungleichen Partnerschaft mit älteren Männern liiert, von denen sie manchmal dachten: „Mein Mann kompostiert auf dem Sofa herum.“
Liebe stand ursprünglich nicht auf dem Plan
Sämtliche Paare, die die Österreicherin wissenschaftlich begleitete, hatten sich rein zufällig kennengelernt. Sie waren also ursprünglich nicht darauf aus, im Gegenüber ihren künftigen Partner zu erkennen. Und in allen Fällen seien es die Männer gewesen, die gegenüber der älteren Frau „wie Ritter ohne Furcht und Tadel“ auftraten, um sie von ihrer Liebe zu überzeugen. „Die Frauen waren in der ersten Phase sehr vorsichtig, weil sie befürchteten, schließlich doch einen Korb zu bekommen.“
Sobald es zwischen den Paaren „gefunkt“ habe, hätten sie die Anziehung in erotischer Hinsicht zwar als „sehr stark“ erlebt, sie jedoch nicht sogleich ausgelebt. „Aus Angst vor den Kommentaren der Gesellschaft traten die Frauen auf die Bremse.“
Nachdem sie ihre Beziehung öffentlich gemacht hätten, habe es die Frauen in das jüngere Milieu des Mannes gezogen. Denn „in ihrem eigenen alten Freundes- und Bekanntenkreis ernteten sie Häme und Intoleranz.“
Ursache war nicht die Erotik der Österreicherinnen
In Brigitte Brandstötters Dissertation ist zu lesen, dass Gesellschaft sich nicht zu allen Zeiten so starr verhielt. Sie richtet den Blick zurück auf das Jahr 1794. Die Soziologin sagt: „Damals waren in Salzburg mehr als 50 Prozent aller Ehen so gelagert.“ Dies habe seinen Grund allerdings weniger in der hocherotischen Anziehungskraft reifer Österreicherinnen gehabt. Ursache seien die Zünfte gewesen. Sie hätten nämlich für die Versorgung der Witwen und Waisen verstorbener Handwerksmeister zu sorgen gehabt. Und um ihre eigene Zuständigkeit nicht irgendwann als unzumutbaren Zustand zu erleben, hätten sie eine Art Erlass verkündet. Der habe diktiert, den frei gewordenen Platz neben einer Witwe innerhalb von drei Jahren durch einen jungen Handwerksmeister zu besetzen. Diese Maßnahme habe Betriebe gerettet und viele ungleiche Paare ergeben. Deren Liebe sei zwar nicht sogleich glühend gewesen, jedoch vielfach irgendwann entfacht.
Was reife Frauen anziehend macht
„Aber was ist es heute, was jüngere Männer zu älteren Frauen zieht?“, wollte ich wissen. „Männern gefällt, dass diese Frauen insgesamt lockerer sind als jüngere,“ sagt Brigitte Brandstötter. Anziehend mache sie auch ihre reife Attraktivität, ihre Lebenslust und nicht zuletzt die Tatsache, „dass sie nicht unbedingt geheiratet werden wollen.“ All diese Frauen hätten sich zwar eine Beziehung in Verbindlichkeit gewünscht, doch sie seien ebenso wie die Männer davon ausgegangen, dass ihre Liebe „ein Ablaufdatum“ habe. „Dadurch haben sie wohl so viel Druck aus ihrer Beziehung genommen,“ vermutet Brigitte Bandstötter, dass der Tag des traurigen Endes bislang nicht in Sicht geraten sei.
Fotos: Woman Special, dpa
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