Wenn der Partner lustvoller ist
Sex wird zwar als die schönste
Nebensache der Welt gepriesen,
aber nicht jeder preist ihn an und
nicht jeder will ihn. Mediziner und
Sexualtherapeuten stellen eine
verbreitete Lustlosigkeit fest.
Was steckt dahinter? Sollte
Lustlosigkeit behandelt werden?
Aufräumen mit einem Mythos
Prinzipiell müsse „gar keine Sexualstörung behandelt werden.“ Das sagt die Wiener Sexualmedizinerin Dr. Elia Bragagna im Online-Magazin “netdoktor”. Sie fügt allerdings hinzu, eine Behandlung sei dann nicht erforderlich, wenn die Lustlosigkeit dem Betroffenen keinen Stress verursache. Probleme gebe es meistens erst dann, wenn der Partner lustvoller sei.
Die Ärztin ist der Auffassung, es müsse aufgeräumt werden mit dem „Mythos der Lustlosigkeit“. Frauen würden oft lustlos genannt, obwohl sie es vielfach gar nicht seien. Die Sexualforscherin Rosemary Basson nenne solche Frauen „sexuell neutral“. Das heiße, sie könnten mit ihrem Partner Sex haben, es würde ihnen auch Freude bereiten, „aber sie brauchen dafür zunächst eine gute Kontaktaufnahme. Denn dann merken sie, dass sie gesehen werden und steigen ein.“
Ein Teufelskreis
Die Wiener Medizinerin Elia Bragagna ist Vize-Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Sexualmedizin (ASSM), Leiterin der Sexualambulanz am Wiener Wilhelminenspital, und sie arbeitet zusammen mit “magnolias”, einem Online-Portal für Frauen.
Bragagna erwähnt einen Teufelskreis, in dem viele Frauen sich befänden, indem sie mit ihrem Partner schlafen, obwohl sie den Geschlechtsverkehr als schmerzhaft erlebten. Sie willigten ein, um den Mann nicht zu verletzen oder gäben ihre Schmerzen erst zu, wenn sie unerträglich seien. Das Wichtigste sei, sich dieses Problem einzugestehen. „Natürlich sollte ich keinen Sex haben, wenn ich lustlos bin – das verzeiht der Körper auf Dauer nicht,“ sagt die Ärztin. „Denn wenn Frauen lustlos sind, werden sie nicht feucht, die Scheide wird wund gerieben, es kommt zu Infektionen und so weiter.“
Wenn es Probleme mit dem Sex gebe, sollten Frauen und Männer sich zunächst einmal die „wichtigste Frage“ stellen: „Habe ich überhaupt Kontakt zu meiner Sexualität? Habe ich Kontakt zu mir? Weiß ich, was ich brauche, was ich will und was nicht?“
Lust bis ins hohe Alter
Sexuell emanzipierte Menschen blieben bis ins hohe Alter sexuell aktiv. Aber Voraussetzung dafür sei die Fähigkeit zur Kommunikation und die Selbstverständlichkeit, „dass ich so, wie ich bin, richtig bin“.
Die grassierende Auffassung, Sexualität müsse immer ein Kick sein, bringe eine Menge Verunsicherung. Elia Bragagna sagt: „Das stresst noch mehr als der ideale Körper, den man glaubt haben zu müssen. Aus ihrer Praxis berichtet sie von Paaren, die seit über zehn Jahren zusammen sind und glauben, dass ihr Sex immer noch „ein wahnsinniger Kick“ sein müsste. Die Ärztin ist der Auffassung, dass diese Paare „an der Realität vorbei gehen“, denn allein von den Botenstoffen her, nehme die Spannung mit der Zeit ab. „Am Anfang ist man in einem Liebeswahn und später eher in einer Sicherheit. Da muss ich mich über die Berührung sinnlich machen und nicht über den Kick.“
Allerdings gebe es auch Menschen, die diesen Kick gar nicht anstrebten, die sogar frei von sexuellen Bedürfnissen seien. Solch asexuelle Menschen hätten in der Regel keinen “Verbindungsdrang”. Sie sträubten sich nicht prinzipiell gegen Sexualität, sondern seien oft durchaus positiv dazu eingestellt. „Aber sie verspüren diesen Kick einfach nicht.“ Elia Bragagna vermutet, „dass da ein bestimmter Botenstoff fehlt.“ Anders sei es bei jenen, die verletzende oder unbefriedigende Erfahrungen gemacht hätten und deshalb keine Sexualität wollten. „Das ist eher eine Schutzhaltung als Asexualität.“
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