Der Schattenmann
Jahrelang befand Marco* sich im Krieg, in einem lautlosen Gefecht mit sich selbst. Er wusste weder, wie er aus dem Chaos herauskommen, noch wie er es erklären sollte. Dann, mit 21, fand er zwar nicht die Worte aber einen Film. Mit ihm wollte Marco sagen, was er nicht aussprechen konnte.
An einem Tag im September trommelte der Junge seine Familie zusammen, schob ein Video in den Rekorder und starrte mit seinen Eltern und Geschwistern auf den Bildschirm. Alles, was er dazu sagte, war: „Schaut bitte nur zu. Reden können wir hinterher.“
Mutter, Vater, Bruder und Schwester blickten gebannt in dieselbe Richtung, als werde ihnen dort im nächsten Moment der goldene Plan fürs eigene Leben prophezeit. Marco indes schaute wie ins Leere. Er schien die Prophezeiung bereits zu kennen, schien nur darauf zu warten, an den Gesichtern seiner Familie bald ablesen zu können, ob sie den Plan begreifen und akzeptiert würden.
Anfangs war es ihnen nicht bewusst
In diesem Film ging es um zwei Jungen. Eva*, Marcos Mutter, erinnert sich auch heute noch, acht Jahre später, an die meisten Szenen. „Es war ein sehr liebevoller Film,“ sagt sie. Die beiden Hauptfiguren mochten sich und gingen dementsprechend miteinander um. „Es war ihnen anfangs noch gar nicht so richtig bewusst, dass sie schwul waren,“ sagt Eva. „Die waren ja fast noch Kinder.“
Alle sahen sich den Film bis zum Ende an, ohne zwischendurch hinauszugehen. Nach der letzten Szene lag ein Schweigen im Raum. Marcos drei Jahre jüngere Schwester Iris* war beim Zuschauen als Erster ein Licht aufgegangen. Sie hatte ihren Bruder bereits Jahre zuvor, ohne es zu begründen oder zu kommentieren, auf ihre lockere Art umgetauft, ihn einfach Mona genannt. Als sie eines Tages neben ihm im Auto saß, hatte sie ihn mit einer Selbstverständlichkeit gefragt, ob er schwul sei, als wenn sie wissen wollte, ob er noch tanken müsse. Damals gab Marco darauf eine Antwort, die keine war.
Auch Eva waren hin und wieder im Umgang mit ihrem Sohn Fragen gekommen. Sie hatte aber nie ernsthaft in Erwägung gezogen, er könne homosexuell sein. Weil sie ihn nie verliebt erlebt hatte, hatte sie ihn irgendwann einmal gefragt: „Wie sieht’s denn eigentlich aus mit einer Freundin oder einem Freund?“ Sie hatte bewusst zwei Optionen erwähnt, aber Marcos Antwort hatte sie nicht wissender gemacht.
Tränen ohne Traurigkeit
In der Schweigephase nach dem Film fing Iris an zu weinen. „Aber nicht aus Traurigkeit,“ erinnert sich ihre Mutter. „Sie war so sehr gerührt von dem Film und von ihrem Bruder.“ Marco saß wie versteinert da, schaute niemanden an, wartete nur auf Reaktionen. Die Mutter nahm ihn dann in ihre Arme und hatte das Gefühl, „dass mein Junge endlich komplett war. Er hatte auf einmal alles, was mir vorher an ihm fehlte. Das war ein Glücksgefühl.“
Von Marco fiel in diesem Moment eine Spannung ab, die ihm über Jahre immer heftiger zu schaffen gemacht hatte. Er konnte immer noch nichts sagen, aber seine Mutter spürte, wie groß seine Angst war, verstoßen zu werden. „Als ich ihn in meinen Armen hielt,“ erinnert sich Eva, „war er überhaupt nicht weich. Er war immer noch starr.“ Sie spürte in dieser Stille nur „seine Dankbarkeit und seine Sehnsucht, aufgefangen zu werden.“
Marcos Bruder stand auf und ging mit einem verbalen Schulterklopfen zu Marco, indem er ihm zu verstehen gab: „Ist okay. Du bist doch mein Bruder. Wo ist das Problem?“
Angst vor dem selbst gebuddelten Graben
Evas Mann reagierte mit schweigender Ratlosigkeit. Was er gerade erfahren hatte, passte so wenig in sein Weltbild wie ein Aktfoto ins Kinderzimmer. Er hatte dieses Kind zwar nach wie vor lieb, hatte aber das schmerzliche Gefühl, es nicht mehr kalkulieren, nicht mehr verstehen zu können. Er sah in seinem Sohn eine Fremdheit, die er auch durch Fragen nicht in Vertrautheit umwandeln konnte. Ihm machte die Angst zu schaffen, dieser fremd gewordene Sohn könnte jede seiner Fragen als so fremdartig auffassen, dass allein die zu stellenden Fragen einen immer weiter klaffenden Graben zwischen ihm und Marco aufreißen würden. Darum zieht er es bis heute vor, die Gedanken an die Andersartigkeit seines Sohnes und die Fragen an den schwulen Sohn im Gewühle alltäglicher Aufgaben untergehen zu lassen.
Eva sagt, Marcos Mitteilung habe ihr das Glücksgefühl beschert, ihren Sohn „endlich komplett“ zu erleben. Endlich stehe das nur geahnte Geheimnis nicht mehr wie eine Schranke zwischen ihr und ihm. Aber das Glücksgefühl ist nicht frei von beschwerenden Gedanken. Auch sie spürt hin und wieder eine Fremdheit. Zum Beispiel dann, wenn sie mit Marco und dessen Freund im Bistro sitzt und die beiden manchmal schmusend öffentlich dazu stehen, wie sie sind. Was Eva dann empfindet, nennt sie ein „emotionales Stolpern“, was aber nichts mit mangelnder Akzeptanz zu tun hat, sondern damit, dass ihr die „zärtlichen Berührungen zweier Männer einfach fremd vorkommen.“ Als Mutter drängt sich ihr hin und wieder noch eine ganz andere Vorstellung auf: „Er kann sich nicht weitergeben, wird keine Kinder haben. Und das, obwohl er ein Familienmensch ist und sich so sehr nach familiärer Geborgenheit sehnt.“
Ein Bild aus einem komplizierten Leben
Die süddeutsche Malerin Jutta Mayr (links) kennt Marcos Geschichte, kann sich in dessen Nöte sowie in das Glücksgefühl und die beschwerenden Gedanken Evas hineindenken. Im Zentrum ihres Bildes, das den Titel „Mona“ trägt, steht ein Paar. Der erste Blick eines heterosexuellen Betrachters mag die Szene als zärtliche Hinwendung eines Mannes zu einer Frau identifizieren. Doch der erste Eindruck trügt. Das Bild zeigt Marco, den seine Schwester liebevoll Mona nennt. Sein rechter Arm legt sich behütend um seinen kleineren, grazilen Freund, seine Hand wendet sich ihm streichelnd zu. Doch diese intime Szene veranschaulicht kein liebendes Fallenlassen. Denn Marcos linke Hand gibt sich keinen Zärtlichkeiten hin. Sie stützt den Ellenbogen des Freundes, der sich wie zum Schutz gegen etwas verwahrt. Aber gegen was schützt er sich? Gegen den eigenen Geliebten?
Dies könnte der Fall sein, trifft aber nicht zu. Denn Marcos linker Arm stützt nicht nur den des Freundes, sondern zeigt sich ebenso wehrhaft wie der andere, wehrt mit spitzem Ellenbogen etwas ab, wie es eine Ellenbogengesellschaft gelernt hat. Beide befinden sich also in einer Abwehrhaltung. Aber gegen was oder wen wollen sie sich im Moment liebevoller Zuwendung schützen? Und vor wem wollen sie sich mit ihren maskierten Gesichtern verstecken?
Spätestens während der Suche nach einer Antwort entdeckt der Betrachter dieses Bildes, dass Marco und sein Freund nicht allein sind. Eine dritte Person befindet sich in der Szene. Sie steht hinter Marco. Fällt sie den beiden in den Rücken? Was führt sie im Schilde? Ist sich das Paar überhaupt bewusst, dass es nicht allein ist, oder ahnen beziehungsweise befürchten die beiden nur, auf der Hut sein zu müssen? Schließlich befinden sie sich in einer unwirtlichen Welt, deren Farben nicht in Einklang stehen mit der liebevollen Zuwendung, die sich diese beiden Männer geben.
Laut Intention der Malerin Jutta Mayr ist die Person im Hintergrund der Schattenmann. Einer, den es konkret nicht gibt. Dieses imaginäre Wesen umfasst behütend Marcos Leib. Form und Haltung seines Arms drücken exakt dieselbe Abwehr nach hinten aus wie der Arm Marcos. Mit seiner Haltung gibt der Schattenmann Marco und seinem Freund in einer irreal erscheinenden Welt realen Schutz, Akzeptanz und jene Geborgenheit, in der sich beide trauen, zu sein wie sie sind.
* Name geändert
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