Die weiche Haut harter Frauen
Diese Frauen sind steinhart, grau,
zuweilen eiskalt und dennoch erotisch.
Es sind Pariserinnen.
Sie gehören gewissermaßen zum Straßenbild
dieser Metropole. Passanten begegnen ihnen,
übersehen sie, betrachten sie schamlos,
träumen gar davon, sie zu berühren.
Die meisten dieser Damen sind für die Hände ihrer Betrachter jedoch nicht erreichbar. Ihr Platz ist über den Dingen und Menschen an den Fassaden dieser Stadt. Von dort blicken sie hinunter auf das weltstädtische Getümmel und denken nicht daran, sich zu denen herab zu lassen, die es in ihrer Fantasie mit ihnen treiben. Denn als weibliche Skulpturen sind sie zur ewigen Härte geschaffen.
Als Künstlerin aus dem eigenen Rahmen gefallen
Dagmar Sippel (rechts) ist auch Pariserin. Seit 20 Jahren streift die gebürtige Deutsche als Künstlerin und Touristenführerin mit hellwachen Augen durch diese Stadt. Mit ihrer Kamera hielt sie einige ihrer unerreichbaren Artgenossinnen aus Stein an der Oper fest.
Mit diesen Arbeiten fällt die Künstlerin im Grunde aus dem eigenen Rahmen. Nicht etwa, weil sie erotische Motive fotografiert. Das tut sie überwiegend. Aber sonst ist sie selbst das Objekt ihrer fotografischen Begierde. Sie richtet die Kamera auf sich selbst, zeigt sich ihr mal alltäglich, mal mondän, mal verklemmt, flippig, versaut, sinnlich, exotisch, verrückt, hinreißend schön, nackt, zugeknöpft, geheimnisvoll – immer jedoch erotisch. Und das auf eine Art, die dem Betrachter Lust auf mehr bereitet. Halt auf Dagmar-Sippel-ART. Und das heißt: Sie gibt nie alles.
“Ich benutze meinen Körper, um mich in Szene zu setzen”
Da Menschen soziale Wesen sind, wollen sie wahrgenommen werden. Dagmar Sippel will das auch. Allerdings macht sie im Vergleich zum Großteil der Gesellschaft kein Geheimnis daraus. Sie macht die Augen der Welt auf ihre Weiblichkeit aufmerksam und genießt es, wenn die Welt sie verstohlen, verklemmt, lustvoll, begehrend betrachtet. „Ich benutze meinen Körper,“ gesteht die Künstlerin, „um mich in Szene zu setzen.“ Vor ihrer Kamera spielt sie Rollen. „Wie eine Schauspielerin. Und dabei kann ich mich auch als Prostituierte zeigen.“
Das Negative, Unschöne vor der Kamera zu verkörpern, schaffte sie nicht von Anfang an. „Vor 20 Jahren fotografierte ich mich immer nur sehr schön. Heute kann ich mich auch hässlich darstellen.“
Dann empfindet sie Erotik
Sie weiß, dass nicht zuletzt das Hässliche in
einer auf Schönheit getrimmten Welt Beachtung findet. Genau die will sie spüren. Und wenn sie in ihren Zuschauern mit ihrem Anblick erotisches Empfinden weckt, empfindet sie selbst Erotik und das heißt nicht zuletzt Lebendigkeit.
Diesbezüglich hat Dagmar Sippel ihren fotografierten Akt-Skulpturen Wesentliches voraus.
Weiche Frauen aus Stein
Sie ist sich dessen bewusst, diese Figuren kaum künstlerisch aufgenommen zu haben. Aber darum ging es ihr nicht. „Ich hätte diese Fotos nie gemacht, um sie auf gewöhnlichem Fotopapier zu präsentieren.“ Das aus Elefantendung hergestellte Papier aus Sri Lanka inspirierte und reizte sie. Und das wegen seiner Struktur. Dieses Papier erlaubt es den steinharten Pariserinnen nicht, hart zu bleiben. Es verleiht den grauen Skulpturen durch seine faserige Oberfläche Leben. Und wer die ewig jungen alten Pariserinnen auf diese Weise präsentiert betrachtet, entdeckt Poren und Haare, die diesen Frauen eine Lebendigkeit und Erotik vermitteln, durch die sie weich werden.

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grüße aus belgien! das ist ein schöner artikel und genau wie von der in ihm vorgestellten künstlerin, wird bei dem betrachter/leser der wunsch auf mehr geweckt. aber wo ist der link zur internetseite von frau Sippel? wenn ich mehr wissen möchte, dann muss ich wohl erst den schönen blog verlassen und bei google nach dem namen suchen. ich würde viel lieber am ende des artikels auf einen link stoßen,
oder gibt es etwa gar keine internetseite?
das muss ich gleich mal überprüfen, bis bald!