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Erotik kommt nicht in die Kirche

Erotische Kunst: Ursprünglich sollten Bilder wie dieses in der Erlöserkirche Bad Kissingens gezeigt werden.Ein Pfarrer ist es, der sich in Bad Kissingen
für eine Ausstellung erotischer Kunst
in seinem Gotteshaus stark machte. -
Dann ist die Kirche also gar nicht so verstaubt, verstockt und verkappt, wie ihr
vielfach nachgesagt wird!?

Pfarrer tritt den Rückzug an

Oder doch? Denn aus des Pfarrers Vorhaben wurde nichts. Die Ausstellung findet zwar statt, aber nicht – wie beabsichtigt – in der Erlöserkirche, sondern im Tattersaal der Stadt. Es gab nämlich heftige Kritik aus der Gemeinde. Die Kritiker regten sich aber nicht erstlinig über die Exponate auf. Der Ausstellungsort war für sie der dickste Stein des Anstoßes

Der Umzug aus dem sakralen Raum ist ein Rückzug. Jochen Wilde, Pfarrer der evangelischen Gemeinde, sah sich dazu gezwungen, weil einige Schäfchen seiner Gemeinde drohten, aus der Kirche auszutreten. Doch sein Rückzug wird ihn kaum davor bewahren, von einem Teil seiner Herde als Sündenbock abgestempelt zu werden. Pfarrer Wilde vertritt in der “Main-Post”nämlich nach wie vor die Auffassung, die Ausstellung „Eros und die Gottesfrage“ könne „Impulse für ein neues Gottesverständnis liefern, das die Menschen von heute noch mehr anspricht als das Traditionelle.“

Eros und Gottesfrage gehören zusammen

Jochen Wilde hat Recht, wenn er sagt, Eros dürfe nicht ausschließlich als Sexualität identifiziert werden. Er stellt klar, Gott könne durchaus ein „erotisches Objekt“ sein und weist darauf hin: „Das Jesus-Bild war im Mittelalter ein spirituelles Objekt der Begierde.“ Eros und die Gottesfrage gehörten deshalb unbedingt zusammen. Aber wahrscheinlich hatte auch Nietzsche Recht, der lange, lange Zeit nach dem Mittelalter behauptete, das Christentum habe dem Eros Gift zu trinken gegeben.

Mit der Furcht vor Kirchenaustritten ist des Pfarrers Rückzug zwar zu verstehen, jedoch nicht gut zu heißen. Schließlich hat die Kirche eine Chance ignoriert, junge, offene und kreative Menschen für sich zu interessieren.

Pfarrer lässt sich nicht mundtot machen

Positiver Rest dieses Malheurs: Der Pfarrer lässt sich nicht von christlichen Fundamentalisten mundtot machen. Stattdessen steht er öffentlich zu seiner Überzeugung. Hätten die Gegner gesiegt, stände jetzt eine peinliche Frage im Raum: Woher nehmen wir das Recht, über den islamistischen Karikaturenstreit zu urteilen?

Vielleicht entdeckt der gebrandmarkte evangelische Pfarrer ja moralische Unterstützung in dem, was das Oberhaupt der katholischen Kirche zum Thema verkündet. In seiner Enzyklika „Deus caritas est“ sagt der Papst, Eros und Agape, die fleischliche und die selbstlose Liebe, ließen sich niemals voneinander trennen. So gesehen hätte die Ausstellung „Eros und die Gottesfrage“ in der Kirche ihren passenden Platz gehabt.

Man muss sie nicht lieben. Aber man kann sie verstehen (lernen).

Wenn christliche Fundamentalisten auf päpstliche Äußerungen dieser Art irritiert reagieren, muss man das nicht auf Anhieb verstehen, aber man kann es sich verständlich machen. Und zwar mit einer Methode, die in der Bibelforschung zu Hause ist. Die Exegeten sprechen nämlich vom „Sitz im Leben“. Diese Methode klingt zwar überhaupt nicht wissenschaftlich, hilft aber dennoch enorm. Wer nach dem „Sitz im Leben“ forscht, betrachtet haarscharf, in welcher Situation einst ein Text beziehungsweise ein Geschehen entstanden ist. Und betrachtet man, was christliche Fundamentalisten heute herausposaunen, entdeckt der offene Betrachter recht flott, woher sie ihre Botschaften haben: von der Kirche, die nicht immer so war, wie sie sich heute darstellt.

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