Erotische und andere Hände
Liebende tun es,
Pferdehändler tun es
und Tiere auch.
Letztere jedoch auf ihre
ganz eigene Weise.
Eltern tun es sowieso.
Täten sie es nicht, würden
sie ein Problem schaffen –
und zwar ein nachhaltiges.
Die Gefahr der fremden Hand
Menschen treten aus unterschiedlichsten Gründen miteinander in Kontakt. Zur Begrüßung geben sie sich die Hand und gehen somit – wenn auch meistens nur oberflächlich – eine Verbindung ein. Der Vorläufer des Handschlags ist das begrüßende Winken, das ursprünglich dazu diente, dem Gegenüber zeitig vor der direkten Begegnung die leere Waffenhand zu präsentieren. Alles andere als oberflächlich ist ein Händedruck auf dem Viehmarkt. Wenn da zwei Hände nach stundenlanger Feilscherei ineinander geschoben werden, hat diese sekundenlange Verbindung wie ein schriftlicher Vertrag Verbindlichkeit. Und das für alle Zukunft.
Liebende können sich noch so viel erzählen – was sie einander mit ihren Händen sagen, ist größer als ihr Vokabular. Mit ihren Pfoten, Tatzen, Krallen und Klauen können Tiere nicht geben, was Menschen mit Händen vermitteln. Dennoch sorgen sie für Intimität und geben Geborgenheit, indem sie ihre Jungen lange und zärtlich belecken. Hunde vermitteln auf diese Weise nicht nur ihren Welpen körperliche Nähe. Wenn sie einem Menschen vertrauen und ihn als Autorität begreifen, zeigen sie es ihm, indem sie ihm über die Hand lecken. Die meisten Hundehalter unterbinden allerdings sofort solch intime Kommunikation aus hygienischen Gründen, indem sie ihrem behaarten Freund leicht aber blitzschnell eins auf die Schnauze geben.
Wenn Hände authentisch sind
Hände können zuschlagen, streicheln, erregen, ergreifen, auf die Schulter klopfen, Sterbenden Halt geben, Ängstliche beruhigen, und Hände können Händchen halten. Aber selbst die zuletzt genannte Geste hat unterschiedliche Gründe. Manchmal zeigt sie der Öffentlichkeit einfach, dass zwei Menschen ein Paar sind, dass sie sich lieben. Wenn homosexuelle Paare Hand in Hand durch die Straßen gehen, ist es zwar weitgehend das Gleiche und doch viel mehr. Ihre Haltung zeigt Mut und Authentizität, weil die öffentliche Bekundung ihrer Liebe einem Coming-out gleichkommt und sie auch heute noch negative Reaktionen Dritter hervorrufen kann.
Manchmal ist das Händchenhalten aber auch eine nonverbale Botschaft an die Öffentlichkeit, die niemand öffentlich über die Lippen bringen würde. In solchen Fällen spricht diese Geste von Besitzerstolz, indem sie sagt: „Der Mensch, den ich hier gerade an der Hand halte, ist meine Frau, mein Mann, meine Tochter…“ Oder das Händchenhalten drückt physische Kontrolle aus, die bedeutet: „Du gehst nirgendwohin, wenn ich es nicht will.“
Lebensgefährliches Händchenhalten
In manchen Kulturen kann das Händchenhalten sogar beängstigende Konsequenzen nach sich ziehen. So wurde im August 2004 ein 15-jähriges Mädchen in einer iranischen Stadt gehängt, weil sie sich mit einem älteren Mann Händchen haltend zeigte.
Furcht, Ergriffenheit, Sehnsucht, Verzweiflung, Nacktheit, Berührung, Schutz und nicht zuletzt Erotik drücken die Hände aus, die der Maler, Zeichner und Fotograf Günter Ludwig zeigt (rechtes Bild). Er sagt: „Wenn ich ein Porträt mache, frage ich mich manchmal, ob ich mich nun besser mit dem Gesicht oder mit den Händen befassen sollte.“ Seine Formulierung (befassen sollte) verrät bereits, worum es eigentlich geht. Indem sich der Künstler konzentriert mit seinem Gegenüber befasst, versucht er, sein Model mit Augen, sämtlichen Sinnen und Verstand zu betasten, zu begreifen, sich mit ihm so zu befassen, dass anschließend das Wesentliche der Person im Bild Ludwigs sichtbar wird.
Hände bezeichnet er als „Verlängerung des Mundes. Die haben eine ganz, ganz starke Sprache.“
Wenn Hände mehr als Lippen sagen
Wer Günter Ludwig gegenübersitzt, muss nicht befürchten, dass er ihm ständig auf die Finger stiert. Der Künstler meint, gar nicht bewusst auf Hände zu achten. Jedenfalls grundsätzlich nicht. Das ändert sich jedoch sofort, wenn ihm die ausdrucksstarke Körpersprache seines Gegenübers auffällt. Dann will er mehr von dem Menschen wissen, als dessen Worte ihm erzählen. Denn er glaubt: „Menschen, die die Hand im Gespräch einsetzen, haben ganz viel mitzuteilen – mehr als sie über die Lippen bringen.“
Günter Ludwig spricht von schönen Händen, favorisiert aber keine bestimmte Handform. Er spricht von den großen, langen Händen seines Vaters wie einer, der was drum geben würde, sie heute noch in die Hand nehmen zu können. Sie haben ihm ein Gefühl von Vertrauen gegeben.
Die geheime Aussage der Hand
Ihm geht es nicht darum, ob eine Hand jung oder alt ist, ihm geht es um Ausdruck und um so manche geheime Aussage einer Hand. Eine dieser geheimen Aussagen entdeckt er in Frauenhänden mit langer Fingerwurzel. Das ist der erste Teil des Fingers, der ihn mit der Hand verbindet. Ludwig betrachtet und liebt solche Hände, denn seine Erfahrung lautet: „Diese Frauen sind in aller Regel sehr leidenschaftlich in der Erotik.“
Dieses Model ist so professionell
Mit Faszination spricht er von dem Model, das ihm den Stoff für unzählige Bilder von Händen liefert. Es ist seine Frau: Gabriele Hindemitt-Ludwig, die auf sämtlichen Bildern dieses Beitrags zu sehen ist. „Die ist so professionell,“ schwärmt er. Wenn sie vor seinen Blicken und seiner Kamera posiert, will sie wissen: „Wie soll ich mich fühlen?“ Dann hört sie seine Order: „Mach die Finger krumm!“ – „Sei aggressiv!“ – „Sei zärtlich!“ – „Nimm dein Gesicht in die Hände!“ Und sie tut es so, dass anschließend ein einziges Bild Günter Ludwigs mehr über den Menschen erzählt, als ein Wissenschaftler in Worte fassen kann.
Was Gabriele Hindemitt-Ludwig durch den Kopf geht, wenn sie ihre Hände auf den Bildern ihres Mannes sieht, formuliert sie in folgenden Zeilen:
Verletzlich
offen, zart
liegt sie vor dir,
zum Greifen nah,
Begegnung sehnend.
Leg Hand an mich,
lass deine Zauberfinger gleiten.
Leg ab die äußere Hülle
blaurauer Härte.
Zeichne uns ein anderes Land
mit zarten Sinnesfarben.
Und schütze das,
was du geschaffen hast.
Die Wichtigkeit des Streichelns
Eltern schützen rein intuitiv, was sie geschaffen haben. Sie behüten ihre Kinder, machen ihre Liebe durch Körperkontakt und mit streichelnden Händen begreifbar. Solches Verhalten ist weitaus mehr als das Stillen eines elterlichen Bedürfnisses. Forscher beschäftigen sich seit Jahren mit der Frage, inwiefern der liebende Körperkontakt für die Entwicklung eines Kindes wichtig ist. Mittlerweile können sie längst beweisen, wie sehr streichelnde Hände die Funktion des Gehirns beeinflussen, und sie wissen: Ohne Zärtlichkeiten können Kinder nicht gedeihen.
Die „Berliner Zeitung“ berichtete 1997 über den Biologen Michael Meaney von der Universität Montreal. Er sagt, Tierjunge, die in den ersten Tagen nach der Geburt ausgiebig liebkost werden, seien ein Leben lang besser gegen Stress gefeit.
Bereits 1957 lieferte der amerikanische Psychiater Seymour Levine mit Ratten einen Beweis. Er hob die noch kleinen Nager täglich 15 Minuten aus ohrem Nest und gab ihnen das, was im Fachjargon als „Handling“ bezeichnet wird: Er streichelte die jungen Tiere. Sein Verhalten zeigte nachhaltige Folgen: Als diese Tiere erwachsen waren, verhielten sie sich weitaus gelassener und produzierten weniger Stresshormone als Tiere, die nicht gestreichelt wurden. Bei ihnen kam es auch nicht zu den bei Ratten typischen Abbauerscheinungen des Gehirns im Alter, die Ähnlichkeiten mit der Alzheimer-Krankheit beim Menschen haben.
Dann wird die Atmung ganz ruhig
Fazit: All die Nager, die als Junge viel gestreichelt worden waren, hatten als Erwachsene Nerven wie Drahtseile. Wie sich die liebenden Hände auf Menschen auswirken, berichtet der Kinderarzt Bernhard Roth von der Universitätsklinik Köln. Bei Säuglingen registriert er eine ruhigere Atmung und einen langsameren Puls, wenn sie einen intensiven Hautkontakt mit Vater oder Mutter haben. „Man braucht die richtigen Berührungen, um zu wachsen,“ sagt der amerikanische Biologe Saul Schanberg. „Sie sind wichtiger als Vitamine.“
Was passiert, wenn Kindern die zärtliche Hand entzogen wird, zeigt ein grausames Experiment Kaiser Friedrichs II. aus dem 13. Jahrhundert: Er ließ Kleinkinder von ihren Ammen nur reinigen und füttern. Ansonsten bekamen sie keine körperliche Zuwendung. Kein Kind soll diesen Versuch überlebt haben.
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Einfach schön! Und mächtig an der Zeit, sich einmal dieser so selbstverständlichen, schlichten “Gegenstände” bewusst zu werden… Danke dem Autor.
Hände, was zeigen Sie alles von uns?
Sie zeigen Charakterstärke, Sensibilität, Wärme, Zuneigung, die Spuren der Lebensarbeit.Sie halten, sie trösten, sie streicheln, sie strafen,sie reden, sie schweigen, sie mahnen, sie lenken, sie zeigen die Spuren des Lebens.Im Gesicht des geliebten Menschen mit Fingerspitzen spazieren gehen gibt Ruhe und Kraft.Gibt Nähe und Verbundenheit.Lässt uns so viel ertasten,gibt Sicherheit auf den Wogen des Lebens.Sie verbinden uns Menschen miteinander.
Sie sind unser 2.Paar Augen, unsere 2.Nase, unser 2.Gehör, wenn den Menschen, denen Augenlicht nicht vergönnt ist, das Leben so leben lassen wie den Menschen, die das Licht sehen.
Ein sehr aufmerksamer Mensch wird immer in den Händen der anderen alles lesen können.
Man muss nicht einmal Psychologe sein, um zu erkennen, was den anderen ausmacht.
Alles lässt sich ablesen, ob er ein hartes Leben führt, sanft ist oder nicht, welche Probleme er wohl haben mag, in welcher emotionalen Verfassung ist…..reden die Hände so mit einem, fällt einem das Verständnis dem anderen gegenüber eigentlich leicht.
Ich achte mein Leben lang schon unbewusst auf Hände, sie sind für mich im ersten Kennenlernen immer das erste Merkmal, worauf ich schaue, ohne es wirklich bewusst zu tun, aber ich erinnere mich immer am besten an Hände.
Sie Hände erzählen wunderbare Geschichten, und gestikuliert jemand viel, kann das daran liegen, dass er sich unterstützend erklären will, liegt aber häufig auch an kulturellen Unterschieden und Mentalitäten.
Vielleicht schaut der eine oder andere nun mal aufmerksamer hin?
Und kennen Sie die Hände Ihres Partners genau?
Danke für diesen wunderbaren Artikel.