Frau unter Verschluss
Auch Menschen jenseits von Jugend und
dürren Modelmaßen können schön und
erotisch sein. Für den Maler Robin d’Arcy
Shillcock ist dies keine neue Erkenntnis.
Lange bevor der britische Kinofilm „Kalender Girls“ und der Kosmetikkonzern Dove begannen, fremde ästhetische Akzente zu setzen, zeigte Shillcock, was für viele nicht en vogue war.
Grenzüberschreiter
Shillcock ist es gewohnt, gedankliche Grenzen zu überspringen, was vielleicht damit zu tun hat, dass er in seinem Leben schon manche Kultur- und Landesgrenze öffnete und hinter sich ließ: Er wurde in Australien geboren, wuchs in Mexiko und Indien auf und lebt heute in den Niederlanden.
Eine seiner jüngsten Arbeiten trägt den Titel „Lara“. Dieser weibliche Akt zeigt keine Modelfigur, sondern körperliche Normalität. Laras wesentliche Anziehung resultiert nicht aus einer Laufstegschönheit – sie wirkt auf ihren Betrachter durch ihre Stimmung, durch Ausstrahlung innerer Haltung.
Die typische Arbeitsweise Robin d’Arcy Shillcocks zeigt sich nicht zuletzt in diesem Bild. „Lara“ erinnert an Gemälde Paula Modersohn-Beckers, die ihre künstlerische Absicht in einem einzigen Satz auf den Punkt brachte: „Bei intimster Beobachtung die größte Einfachheit anstreben.“
Intimes nicht zur Schau gestellt
Shillcock (links) stellte Laras Physiognomie stark vereinfacht dar, wie es auch Bestreben der Worpsweder Künstlerin in ihren Bildern war. Das hat zur Folge, der Betrachter verliert sich nicht in Details des Gesichts. Stattdessen erzählen ihm die strengen, einfachen Formen des Körpers von Haltung und Wesenheit des Menschen. Lara, die von Robin d’Arcy Shillcock dargestellte Frau, sieht der Betrachter nackt, aber sie scheint sich ihm nicht zu präsentieren. Ihr Haar wirkt nicht hergerichtet und für fremde Augen drapiert, sie schaut ihr Gegenüber weder verschämt noch verlangend an, sondern richtet ihren Blick nach unten. Laras Hände bedecken ihre Scham, aber sie tun es nicht in einer Manier, wie Menschen, die ihre Nacktheit vor fremden Augen verbergen möchten. Solche Menschen verschließen Intimes durch eine andere Körperhaltung: Sie pressen ihre Schenkel geradezu aneinander.
Lara tut das nicht. Sie steht entspannt im Bild – so, als sei sie allein, ganz bei sich, offen für sich. Ebenso wie die Haltung ihrer Beine zeugen ihre offenen Lippen von einer entspannten, intimen Szene. Beide Bildelemente – Beine und Mund sprechen dieselbe Sprache.
Frau mit Brisanz
Ihre besondere Brisanz bekommt Lara dadurch, dass der Künstler sie nicht auf eine weite Leinwand, sondern in eine kleine hölzerne Zigarrenschachtel malte. Somit bewohnt Lara auf 15 mal 9 Zentimetern ein verschließbares Kleinod und zeigt sich – wie das Bildnis eines Medaillons – nur jenen, die ihrer würdig sind.
Hier schreiben Leser zu diesem Text ihre Meinung, geben Impulse

...Kommentare und Impulse zu den Beiträgen dieser Seite zu geben. Einfach die roten Zeilen unter den Artikeln anklicken und loslegen.