Mut und Anmut
Was Menschen nicht über die Lippen kam, ließen
sie einst Skulpturen sagen. Diese Schönheit aus
Marmor vom Hamburg-Ohlsdorfer Friedhof erzählt
viel. Viel über Menschen im allgemeinen, über den,
der diese Skulptur einst in Auftrag gab, über die
Sinnlichkeit des Steinmetzes, der diesen Auftrag
annahm, über Trauer, Hoffnung, über Zeit und das,
was Zeit überdauert – und auch über Erotik.
Weder Schrecken noch Entsetzen
Und dies alles sagt die Schöne vom Friedhof mit Mut und Anmut. Janine L. Thun hat sie entdeckt und fotografiert. Anmutig scheint die Frau aus Stein nicht nur über dem Tod zu stehen, der Menschen für gewöhnlich Schrecken und Entsetzen ins Gesicht zeichnet.
Sie blickt auf Tod und Leben herab, als lägen beide wie ein zu liebkosendes Zwillingspaar im Kinderbettchen vor ihr.
Diese Blüte hat’s in sich
Wie schafft sie das? Kennt sie eine Wahrheit, die sie gelassen macht, eine, die der überwiegende Rest der Welt noch nicht entdeckt hat? Vielleicht. Denn die Augen dieser Frau sind auf eine Rose gerichtet, und die ist mehr als duftendes Grünzeugs mit farbintensivem Kopf, der als Hingucker menschliche Augen verführt. Vielleicht spürt die Friedhofsschönheit die Symbolkraft der Rose, die sie in ihrer rechten Hand hält. Solch eine Blume hat’s nämlich in sich. Mit ihr sind eine Menge Symbole verbunden. Aus christlicher Sicht ist sie Sinnbild für das Paradies. Wenn die Schöne dies vor Augen hat, dann ist ihr der Tod halt kaum ein Dorn im Auge.
Geheimnisvolles
Doch was ist das, das Paradies, außer ein Ort, an dem die einst Gelebten von früh bis spät frohlockend Halleluja singen? Das verrät die Rose nicht. Sie hat also ein Geheimnis. Doch das ist typisch für sie. Schließlich gilt sie seit uralten Zeiten als das Symbol der Verschwiegenheit. Ihre fünfteilige Blütenanordnung symbolisiert das Pentagramm und somit das Geheimnis schlechthin.
Okay, Geheimnisse sind durchaus dazu geeignet, Übles vermuten zu lassen. Doch in diesem Fall muss das keine Angst bereiten, denn Geheimnisse beinhalten meistens nur so viel Übles wie der Geheimnisträger in sich trägt. Da der Rose partout nichts Übles nachgesagt werden kann, können wir also davon ausgehen, dass sie die Bewahrerin eines ziemlich süßen Geheimnisses ist.
Der Knabe und die Frau
Aber was ist’s nun für ein Geheimnis, das die Rose hütet? Vielleicht liegt die Lösung im Mittelalter. Seit jener Zeit steht diese Blume nämlich als Zeichen für die Frau. Und nicht nur für sie, sondern auch für die Liebe zu ihr und auch für die Wolllust. Goethes Text in dem Lied „Sah ein Knab ein Röslein stehn…“ deutet dies an. Hätte dieser kluge Mann mehr Mut gehabt beziehungsweise wenn’s damals okay gewesen wäre, hätte er vielleicht Klartext geschrieben. Nämlich: „Sah ein Knab eine Frau stehn…“
Bekenntnis zur sinnlichen und körperlichen Lust
Die Friedhofsschönheit hingegen zeigt Mut. Sie spricht stumm mit ihrer Schönheit aus, was sinnliche und körperliche Lust ihr bedeuten. Sie ist zwar nicht nackt, aber es stört sie nicht, dass ihr hauchdünnes Gewand ihre Nacktheit und Schönheit präsentiert, ja, mehr noch: regelrecht inszeniert. Diese Lust ist nichts zu Verpönendes. Sie ist natürlich und deshalb grundsätzlich erstmal gut. Eine andere Frauenskulptur des Ohlsdorfer Friedhofs verrät, was die hier abgebildete Marmorschönheit nicht ausspricht. Jene ebenso erotisch anmutende Frau outet sich als eine Personifizierung der Natur. Denn unter ihr ist zu lesen: “Aus mir fließt alles. Kehrt zu mir zurück so Tod wie Leben. Menschenleid und Glück”.
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Ein faszinierender, wunderschöner Text zu einem anrührenden Thema! Jeder,der einem lieben menschen ein grab gestaltet, denkt über Symbole nach, die die wertvollen, liebenswerten Eigenheiten des Toten und die Beziehung der Hinterbliebenen zum Toten sichtbar machen sollen. Und mit solchen Skulpturen eben auch fühlbar, sinnlich, fast greifbar, anrührbar… anrührend!
Wenn nun die Rose im Wettkampf mit der Lilie die Reinheit der Gefühle, Abgeklärtheit oder Gelassenheit und Toleranz, vielleicht auch Jungfräulichkeit, symbolisiert…, wenn die Rose nun Liebe und Erotik bedeutet, dann ist natürlich der Text zu “Sah ein Knab ein Röslein stehn” zu hinterfragen. Und das erlaube ich mir im Wissen um Strophe zwei und drei und auch im Wissen um die Musik, die man kennt, wenn man Musikerin ist…
Ein groß auskomponiertes Fragezeichen immer bei der Verszeile “Röslein, Röslein, Röslein rot” bedeutet wohl schon ein Aufbegehren der jungfräulichen Frau gegen Zudringen und Eindringen eines, neudeutsch gesagt, geilen oder aggressiven Mannes!!?? Trotzdem sehr erotisch! Wir werden nie erfahren, ob dieses Röslein glücklich war, gebrochen zu werden.
Von wann ist denn die Skulptur? Wenn sie schon älter ist, kann die Bedeutung auch eine andere sein: Frauen mit relativ kleiner Oberweite zu zeigen hieß frueher, daß sie keine Kinder hatten (daher konnte dies auch in prueden Zeiten recht offen dargestellt werden). Also war die Botschaft warscheinlich: zu frueh gegangen um das Erbe zu sichern! (Klingt leider unromantisch)
Grueße + schönes Wochenende
Das Grabmal “die Knieende” stammt aus dem Jahr 1926 von dem Bildhauer Richard Kuöhl. Siehe auch http://fredriks.de/Kuoehl/index.htm