Postalische Ekstase
Manche Wahrheiten sind so unglaublich, dass man sie tunlichst für sich behält. Ausgeplaudert würden sie wie erlogen, wichtigtuerisch oder schlichtweg als Kitsch in der Öffentlichkeit ankommen. Das Erlebnis, von dem mir die Pariser Künstlerin Dagmar Sippel erzählte, ist eine solche Wahrheit. Eigentlich bietet sie den Stoff für einen Roman oder dessen Verfilmung. Aber beides würde einen Verriss der Kritiker erleben. Das Prädikat „Wertvoll“ bekommt diese intime Story nur als das, was sie ist: keine Fiktion, sondern eine wahre Geschichte. Eine, die halt das Leben geschrieben hat. Denn wie so oft ist auch in diesem Fall das Leben der beste Autor.
Der erste Brief
Ein Vormittag in Paris. Dagmar Sippel (rechts) hörte den Briefträger, griff eilig zu dem, was er ihr durch den Türschlitz geworfen hatte, sortierte die Post nach „wichtig“ und „unwichtig“ und – blickte auf einen Brief, der keinem dieser Kriterien zuzuordnen war. Sie las ihren Namen, ihre Anschrift, handschriftlich mit schwarzer Tinte zu Papier gebracht. Blickte auf die Schrift einer Hand, die das Schreiben offensichtlich gewohnt war. Mit entschiedenem Strich hatte sie mehr als eine Anschrift auf dem tiefroten Couvert hinterlassen. Aber dieses Mehr war nichts klar Definierbares. Es war nur ein Anschein: der von Charakter.
Die Empfängerin wendete den Brief, doch an der Stelle, wo Absender sich zu erkennen geben, stand nichts. Einen Moment lang kramte sie in ihrer Erinnerung, fand dort aber kein Gesicht, das sie mit dieser Schrift in Verbindung bringen konnte. Dennoch spürte sie von diesem gesichtslosen geschlossenen Brief eine ausdrucksvolle Botschaft ausgehen.
Sie griff zum Messer, drang mit der Klinge in das geheimnisvolle Rot und brachte zum Vorschein, was ihre Augen kaum so schnell erfassen konnten, wie es ihr Geist in sich aufnehmen wollte. Auf weißem Papier hatte der geheimnisvolle Charakter seine Gefühle und seine Verehrung offen formuliert. Seine Gefühle und Verehrung für Dagmar Sippel.
In kurzen Zeilen hatte er wie ein Gedicht mitten aufs Papier drapiert, was er nicht mehr für sich behalten konnte, was die Frau, die er begehrte, erfahren sollte. Aber auch am Ende des Briefes kein Name, nicht einmal ein vager Hinweis auf den Verfasser.
Ergüsse sehnsüchtiger Momente
In den kommenden Wochen und Monaten folgten weitere Briefe in Rot. Ein Jahr lang kamen diese „postalischen Ergüsse sehnsüchtiger Momente.“ So beschreibt die Empfängerin ihren Inhalt und gesteht mir, dermaßen darauf fixiert gewesen zu sein, dass sie täglich auf den nächsten Brief hoffte, um ihn mit lustvoller Gier aufzureißen und sich voller Verlangen von seiner Botschaft berühren und streicheln zu lassen.
Irgendwann schrieb der geheimnisvolle Unbekannte:
Mein Liebling,
meine duftende Rothaarige…
Je mehr ich Sie liebe,
umso mehr leide ich.
Nur ein einziger Tag,
ohne Sie zu sehen,
ohne mit Ihnen zu sprechen
und es schmerzt,
schmerzt da, in der Mitte meines Herzens.
Ich halte es nicht mehr aus…
Der Versuch, Sie zu vergessen,
und sei es nur für einen kurzen Augenblick,
um wieder normal durchzuatmen,
ist aussichtslos…
Bleibt nur das unausstehliche Gefühl
Ihrer Abwesenheit.
Egal, wo ich auch hinschaue,
Ihr Bild taucht immer wieder auf.
Dagmar Sippel behütete sämtliche Briefe dieses unbekannten Mannes, und schon bald bedeuteten sie ihr mehr als das schriftliche Streicheln ihres Körpers und ihrer Sinne beziehungsweise das ständige Entfachen ihrer Sehnsucht. Ihr waren sie auch Impuls für künstlerische Kreativität.
In dem Beitrag „Die weiche Haut harter Frauen“ schrieb ich über sie: „Sie richtet die Kamera auf sich selbst, zeigt sich ihr mal alltäglich, mal mondän, mal verklemmt, flippig, versaut, sinnlich, exotisch, verrückt, hinreißend schön, nackt, zugeknöpft, geheimnisvoll – immer jedoch erotisch. Und das auf eine Art, die dem Betrachter Lust auf mehr bereitet. Halt auf Dagmar-Sippel-ART. Und das heißt: Sie gibt nie alles.“
Verhüllte Botschaften
Ebenso hielt sie es mit ihren Briefen. Dagmar Sippel präsentierte sie und sich selbst in einer Pariser Ausstellung. Auszüge der liebenden und erotischen Botschaften sowie Fragmente ihres nackten Körpers steckte sie in Kästen, in denen andere Menschen bunte Falter aufbewahren. Die geschriebenen Zeilen und ihre Fotos umhüllte sie mit einem Kokon aus Folie, sodass die Betrachter dieser Exponate lediglich eine heiße Ahnung von jenen Schmetterlingen erspähen konnten, die in zwei Seelen und zwei Leibern liebend flatterten.
Nach fast einem Jahr inbrünstigen Schreibens, verlangenden Lesens und ungeduldigen Wartens auf den nächsten Brief streikte die Pariser Post. Die Folge war, sagt die Künstlerin: „Ich hatte eine fürchterliche Angst, dass all das Wunderschöne jetzt aufhört.“
Dann klingelte ihr Telefon. Sie nahm den Hörer ab, meldete sich, wartete auf eine Stimme, hörte aber nichts. Jedenfalls zunächst. Dann der leise Klang von Atem an ihrem Ohr. Sie schwieg, hörte zu – wartete. Sie wartete nur drei, vier Atemzüge lang, presste den Hörer an sich heran, um zu verstehen, was nur sie verstehen konnte. Dann kam aus ihrem Mund, was ihr Verstand nicht vorbereitet hatte: „Sie sind es. Legen Sie nicht auf. Bitte. Ich muss Sie sehen.“
Geheimnisvolle Begegnung
Sie verabredeten sich in einem Café. Dagmar Sippel öffnete die Tür, ging zwei Schritte hinein, blieb stehen schaute sich um. Drei Männer saßen an einem Tisch, waren so im Gespräch miteinander beschäftigt, dass sie von ihr keine Notiz nahmen.
Weiter hinten saß noch jemand. Ein Mann, dessen Gesicht sie kannte. Geraume Zeit zuvor war sie ihm in der Pariser Kunstszene begegnet. Mehr nicht. Sie ging zu ihm, sagte nichts, schaute ihn nur an. „Und als ich vor diesem Grandseigneur stand, sagte er: ,Jetzt sind Sie enttäuscht.’“
Während Dagmar Sippel mir diese Szene beschreibt, hebt sie ihre Hände bis ans Gesicht und sagt ernst: „Ich bekam so eine Bombe.“ Sobald sie ihre Emotionen nach seinem ersten Satz wieder einigermaßen im Griff hatte, gab sie ihm die Antwort: „Wie kann ich enttäuscht sein? Ich bin seit einem Jahr in einen unbekannten Verehrer verliebt und weiß jetzt endlich, wer er ist.“
Irgendwann sagte sie ihm auch, dass sie mit seinen Briefen eine Ausstellung gemacht hat. Er zeigte sich beeindruckt, gab ihr die Freiheit, alles mit seinen Briefen zu tun, bat sie nur darum, seinen Namen geheim zu halten.
Zwischen beiden entwickelte sich etwas, was Dagmar Sippel „eine sehr intensive Beziehung“ nennt. „Eines Tages sagte er liebevoll, er wolle mich essen. Ich habe ihm einen Abdruck meiner Brust und daraus einen Wackelpudding gemacht.“
Mittlerweile ist Dagmar Sippel verheiratet. Glücklich und mit einem anderen. Aber wenn sie an die Zeit ihrer „postalischen Ekstase“ zurückdenkt, sagt sie nachdenklich: „So Intensives wie mit diesen Briefen habe ich sonst nie erlebt.“
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sehr schön geschrieben, ja, aber…
dass das leben der beste autor ist, stimmt das wirklich?
die geschichte ist anregend für die eigene phantasie, das steht fest. als ich sie las, dachte ich zuerst: woher weiß diese frau denn, dass es sich um einen mann handelt? dann, irgendwann, dachte ich: womöglich hat sie die briefe selbst geschrieben. um sich selbst zu inszenieren, auf anderer ebene, als sie es ja sowieso professionell tut.
und dann dieses ende. trivial, nicht literaturfähig, und dann doch wieder nicht wirklich trivial.
trivial, denn sie endet ja in glücklicher ehe, und wenn sie nicht gestorben sind…
dann auch wieder nicht trivial, denn es sind ja nicht “die richtigen”, die da zusammengekommen sind.
hätte uns der autor dieses ende nicht ersparen können? dann wäre die phantasie zu eigenen höhenflügen angeregt worden (bestenfalls…). ein guter schnitt wäre die stelle gewesen, wo hinten im café “noch jemand” sitzt.
und die tatsäche, dass wir nicht erfahren, was frau sippel mit dieser vagen aussage “sehr intensive beziehung” meint, entschädigt mich auch nicht für das laue ende.
liebe/r botticelli,
bei Ihnen weiß man ja auch nicht, ob Sie ein Mann oder eine Frau sind. Der durchschimmernde Intellekt lässt an einen Mann denken, aber die Vielseitigkeit der Überlegungen, das Flexible und die Vorliebe für die Phantasie lassen eine Frau vermuten. Wie dem auch sei, Ihr Beitrag war anregend zu lesen.
Aber ist es denn nicht erstaunlich, wie ungewöhnlich diese Geschichte hier scheint, wie wenig uns also klar ist, was Briefe, das geschriebene Wort, an Potential in sich haben? Anders als Bücher, da sie ja einzig und individuell nur einen Adressaten meinen und hervorheben? Ich frage mich, ob diese früher weitverbreitete Kunst durch die Mailkultur wiederauflebt, oder ihrem endgültigen Ende zudriftet? Was meinen Sie, was meinen die Leser/innen von liebe-art, die ja sicher ihren pc auch für private mails benutzen?