Liebe ART

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Dialog-Beratung in Text und Gespräch. Themen: Persönlichkeit, Privatleben, Karriere.

Sie zeigt sich

Porträt.jpgDieser Frau passiert Ungewöhnliches,
und sie tut Ungewöhnliches. Ein Jahr lang
schickte ihr ein Mann anonym Briefe. Darin
formulierte er offen, erotisch und zärtlich,
was er für sie, die Pariser Künstlerin Dagmar
Sippel (links), empfindet. Sie präsentierte
seine brennenden Zeilen in einer Ausstellung.
Zurzeit stellt sie sich als Fotografin in Paris
selbst aus. Aber sie selbst, wer ist das?


Ist Dagmar Sippel die, die sie auf ihren Fotos zeigt? Wenn ja, dann schlagen viele Seelen in ihrer Brust. Denn mal zeigt sie sich mondän, mal spießig, dann verklemmt, mal schrill, verrückt, versaut, edel und immer wieder auch hinreißend schön.

Mit ihrer Art, sich selbst aufs Korn zu nehmen, führt Dagmar Sippel gewissermaßen weiter, was Frauen in der Renaissance begannen. Sie malten sich selbst. Damals, nach Ausklang des Mittelalters, sorgte ihre Kunst für einigen Wirbel. Religiöse Motive waren die Menschen bis dahin gewohnt. Keine Bilder von Leuten wie du und ich. Aber dann, im 16. Jahrhundert, kamen italienische und holländische Malerinnen und brachten etwas auf die Leinwand, was zwar nicht religiös, aber bei den Betrachtern nach und nach ebenfalls göttlich ankam: Sie malten sich selbst.

Für ihre Bildmotive schlüpften diese Malerinnen – ebenso wie Dagmar Sippel – in Rollen. Sie zeigten sich als Wissenschaftlerinnen und Musikerinnen, und wenn sie sich mit Pinsel und Farbe vor ihrer Staffelei präsentierten, dann spiegelte auch dieses Bild nie so ganz das wahre Leben dieser Frauen wider, denn ihr Kleid malten sie so adrett und fleckenlos, wie es im Atelier einer Malerin kaum eine Stunde lang bleiben kann.

Wenn Dagmar Sippel sich mit ihren Fotos in der Pariser „Galerie du Centre Iris“ präsentiert, zeigt sie weitaus mehr von sich als die Frauen, die es ihr vor fünfhundert Jahren vorgemacht haben. Aber sie zeigt nie alles.

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