Aufforderung zur Heimlichkeit
Anna Magdalena ist 17 und hat sich in einen
Mann verguckt, der 16 Jahre älter und verheiratet
ist. Oder besser: Sie hat sich in ihn verhört – in
seine Musik, die er virtuos auf seinem Instrument
vertont.
Sie weiß, dass er gut ist. Sehr gut.
Nicht nur ihr verliebt verklärter Blick sagt ihr, dass dieser Mann ein Star ist. Was er tut, kann sie durchaus beurteilen, denn als ausgebildete Sopranistin ist sie mit 17 bereits vom Fach.
Anna Magdalena belauscht diesen Mann, wenn er spielt. Bald begegnen sich die beiden, sie verliebt sich noch heftiger in ihn, er meint lediglich, sie habe einen „sauberen Sopran“, doch zwei Jahre später stirbt die Frau des Musikers, und nun ist es soweit, dass es auch bei ihm funkt.
Die zärtliche Aufforderung
In dieser Phase fällt dem frisch verliebten Musiker ein Gedicht von Simon Dach in die Hand. Er vertonte es unter dem Titel „Aria di Giovannini“. Der Wortlaut ist eine zärtliche Aufforderung zur Heimlichkeit.
Übrigens, der Musiker heißt Johann Sebastian Bach. Er und seine Geliebte hatten es im Korsett einstiger Konventionen wohl nötig, ihre Liebe geheim zu halten, um sie vor dem Klatsch des Fürstenhauses zu schützen. Bach verdiente seine Gage damals nämlich als Kapellmeister des jungen Fürsten Leopold in Köthen.
Und hier nun die Gedanken, die dem verliebten Bach so sehr durch den Kopf gingen, dass er Musik aus ihnen machte:
Fang es heimlich an
Willst du dein Herz mir schenken,
so fang’ es heimlich an,
dass unser beider Denken
Niemand erraten kann.
Die Liebe muss bei beiden
allzeit verschwiegen sein,
drum schließ’ die größten Freuden
in deinem Herzen ein.
Behutsam sei und schweige,
und traue keiner Wand.
lieb’ innerlich und zeige
dich außen unbekannt.
Kein Argwohn musst du geben,
Verstellung nötig ist,
genug, dass du, mein Leben,
der Treu’ versichert bist.
Begehre keine Blicke
Von meiner Liebe nicht.
Der Neid hat viele Tücke
Auf unsern Bund gericht!
Du musst die Brust verschließen,
Halt deine Neigung ein,
Die Lust, die wir genießen,
Muss ein Geheimnis sein.
Zu frei sein, sich ergehen,
hat oft Gefahr gebracht,
man muss sich wohl verstehen,
weil ein falsch Auge wacht.
Du musst den Spruch bedenken,
den ich vorher getan:
willst du dein Herz mir schenken,
so fang´ es heimlich an.
Foto: mathias the dread/Quelle: PHOTOCASE
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