Träume im Käfig (LiteraART)
Sie sitzen an einem Tisch des Lokals,
trinken und plaudern.
Draußen ist es schon kalt.
Der Herbst ist gekommen.
Gelbe Straßenlichter schimmern
auf das nasse Pflaster.
Alles ist irgendwie stumm -
wie in einem Aquarium.
Die Kellnerin nimmt sich Zeit – warum sollte sie sich beeilen? Der Abend ist noch lang und ihre Füße tun schon weh. Sie übersieht die Blicke der Gäste; sieht nur Formen im grauen Nebel an den Tischen, eine Masse von lebendigem Fleisch, das fast bewegungslos atmet.
Ihre Gedanken sind weit draußen, irgendwo bei den Wildgänsen, die in vollendeter V-Form wärmeren Ländern entgegenfliegen. „Ich möchte ein Zugvogel sein”, sagt sie, „ständig weiterfliegen wenn es kalt wird.”
„Du bist kein Vogel.”
„Möchte aber einer sein. Hast du dir noch nie gewünscht fliegen zu können?”
„Doch. Aber nicht als ein Vogel.”
Die Kellnerin geht langsam von Tisch zu Tisch und sammelt die vollen Aschenbecher ein. „Warum kommen die Leute hier her”, denkt sie. „Sie sollten zu Hause bleiben, Karten spielen oder Liebe machen. Sie verschwenden ihre Zeit in dieser öden Kneipe.”
An einem anderen Tisch in der Ecke sitzt ein Paar. Leidenschaftlich erklärt die Frau irgendetwas und kichert. Der Mann reagiert ungern, während sein schmachtender Blick den trägen Bewegungen der Kellnerin folgt, die jetzt die Aschenbecher leert und spült. „Sie ähnelt einem Vogel”, denkt er, „einem ohne Flügel, deswegen wird sie nie von hier weg kommen. Wahrscheinlich riecht sie sogar wie ein Vogel.”
„Also, was meinst du?” fragt sie ihn.
„Du hast recht”, antwortet er, gedanklich an der Kellnerin haftend, „du hast recht, wie immer.”
Die Tischdecken sind mit Schmutzflecken gemustert. Alles stinkt nach Zigaretten, Alkohol und billigem Parfüm – eine Duftmischung aus ermüdender Liebe, Desinteresse, Langeweile und Erregung.
„Ich mag Herbstdüfte”, sagt sie, „und auch die Farben im Herbst. Sie sind, wie soll ich sagen, verblasst aber lebhaft. Von oben, aus der Vogelperspektive, muss alles so herrlich sein.”
„Was für ein Vogel möchtest du sein?” fragt er. „Nur so, theoretisch.”
In ihren Träumen wird sie zum machtvollen Tier
„Ein Adler natürlich. Der ist so majestätisch, hat keine Angst, scheint nie müde zu sein, all die Kleineren sind eine leichte Beute für ihn.”
„Der ist aber kein Zugvogel.”
„Macht nichts. Er ist aber prächtig.”
„Sie ist so unlogisch”, denkt er, behält es aber für sich, will ihr nicht weh tun.
„Manchmal kann ich äußerst unlogisch sein”, denkt sie. „Hoffentlich merkt er es nicht.”
„Ich bin gespannt, wie sie riecht”, denkt der Mann, dessen Frau oder Geliebte unendlich redet. „Sie sieht aus wie eine Kellnerin, die ihre Arbeit langweilt. Sie ist nicht hässlich aber auch nicht schön.” Dennoch hat ihr müdes Gesicht etwas, das den Mann anzieht.
„Erinnerst du dich?” fragt die Frau. „Erinnerst du dich?”
„Ja”, sagt er unsicher mit einem Zögern. Er hat keine Ahnung, wovon sie redet, ist aber daran gewöhnt, ja zu sagen. Das macht alles leichter.
„Alles so spießig hier”, sagt die Frau, die ein Adler sein möchte.
„Aber wenigstens billig”, antwortet er leise und leer.
„Und ich mag die Kellnerin auch nicht.”
„Das macht nichts. Schau nicht hin.”
„Was für ein Lokal! Wir gehören hier nicht hin. Unsere Gedanken gehören hier nicht hin.”
„Du meckerst schon wieder. Sei nicht so unzufrieden.”
„Lass mich doch.”
„Das ist das einzige Lokal, wo man uns nicht kennt – und günstig ist es auch.”
„Schrecklich billig sogar”, denkt sie.
Sie klingen freundlich, sprechen leer, sind sich fremd
Die Kellnerin taucht Gläser in schäumendes Wasser – so lange, bis alle Lippenbilder an ihren Rändern im Spülwasser ersoffen sind. Ihr gehen die Gäste durch den Kopf. „All diese Leute, auch der Mann, der mich so komisch anstarrt wie ein Kater, der seine Lippen leckt, all diese Leute sind sich fremd. Sie klingen freundlich aber sprechen leer. Bis zum Feierabend ist es noch eine Ewigkeit. Immer die gleichen Gesichter, Liebespaare, die sich noch nicht genügend kennen oder Paare, die schon von Liebe satt sind und sich benehmen, als ob…”
„Wenn sie sich abschminkt”, denkt der katerähnliche Mann, „ist alles Begehrenswerte weg. Aber die Kellnerin, die keine Schminke trägt, mit all ihren immer langsamer werdenden Bewegungen, ihrer faltigen Stirn, ihrem hässlichschönen Gesicht, die ist anmachend.”
„Warum will man immer etwas anderes haben als das, was man hat?” fragt sie. „Immer was anderes, auch wenn dieses Andere schlechter ist.”
„Weil es etwas Anderes ist, vielleicht? Du hast eben gesagt, dass du davon träumst, ein Adler zu sein, stimmt’s?”
„Ja. Und was ist daran falsch?”
„Du kannst einen Mensch nicht mit einem Vogel vergleichen. Ein Vogel ist nicht schlechter.”
„Aber anders.”
„Na und?”
„Na und. Du denkst so einfach. Wie ein Vogel manchmal.”
„Ein Vogel denkt gar nicht. Der fühlt nur.”
„Was ist Gefühl ohne Denken?”
„Sei nicht ironisch. Das ist das, was ich Vogelsein nenne.”
„Vogelsein. Du hast eine eigenartige Ausdrucksweise.”
„Ich bin eigenartig.”
„Du verstehst mich nicht. Du bist kein Adler. Wirst nie einer werden. Unmöglich.”
„Du bist unmöglich. So wirklichkeitsgierig.”
„Ich bin gierig nach dir. Ich bin deine Beute. Erinnerst du dich an den Tag, als wir im Zoo waren, und uns all die exotischen Vögel ansahen?”
„Welche Vögel meinst du?” fragt der Mann.
„Du weißt schon.”
„Ach ja.” Er erinnert sich aber nicht. Er beobachtet die Kellnerin, die jetzt zu ihm kommt.
„Möchten Sie die Rechnung?”
„Nein. Noch nicht. Danke.”
Endlich kann er sie riechen und sagt sich. „Dachte ich mir. Sie riecht genau wie einer.”
Die Bedienung zieht ab: „Ich mag ihn nicht. Er schien so anders zu sein. Ich musste einfach zu ihm. Musste ihn mir aus der Nähe ansehen. Dumm von mir. Er ist wie all die anderen.”
Der katerähnliche Mann erinnert sich an einen Abend, an dem er das Haar seiner Geliebten voller Leidenschaft durchwühlte. Das Einzige, das er jetzt fühlen kann, ist Mitleid. Die Nacht öffnet sich wie ein großer Mantel, der alle Geheimnisse verhüllt. Kein Mensch auf den Straßen. Nur die sich hin und her bewegenden Schatten der Bäume im Wind. Die Stammgäste sitzen wie von ihrer Sehnsucht bestellt und nicht abgeholt.
Es ist Zeit das Lokal zu schließen.
Adora Tormenta
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