Der Tabu-Brecher
Er hatte immer zwei Ziele. In beiden drehte
sich alles um Liebe und um Sexualität.
Auf seinem Weg wurde er bewundert und
verachtet. So manche seiner Gegner behaupteten,
dieser Mann sei für die Menschen schlimmer
als der Zweite Weltkrieg.
Will Männer erotischer machen
Das war in den Sechzigerjahren. Am 2. Oktober wird der Mann, der einst heftigste Keile ins deutschen Wertesystem trieb, 80 Jahre alt: der Journalist, Autor und Filmemacher Oswalt Kolle (Foto).
In einem Interview mit dem Bayrischen Rundfunk sagt er über seine einstigen Ziele, erstens habe er immer versucht, Männer erotischer zu machen und zweitens Frauen zu dem Bewusstsein zu verhelfen: „Ich habe als Frau meine eigene Sexualität.“
Dann werden Männer mit dem Rücken zur Wand stehen
„Ich wollte den Männern begreiflich machen, dass Sexualität nicht darin besteht, ,dass du das Ding da reinsteckst, kurz ein bisschen wackelst und das war’s dann.’“ Das sei nicht die Sexualität. Darum habe er damals propagiert: „Wenn ihr Männer das nicht lernt, dann werdet ihr bald mit dem Rücken zur Wand stehen.“ Denn Kolle ging davon aus, dass Frauen sich merkten, was er ihnen ins Bewusstsein rief: „Ich bestimme für mich selbst, was Erotik ist! Ich muss deutlich machen, was ich möchte! Ich muss selbst sagen, was ich möchte!“
Als „Aufklärer der Nation“ spitzte Oswalt Kolle das Ich-Bewusstsein insbesondere von Frauen, das so geplättet war wie ein Bleistift nach einem ellenlang geschriebenen Brief. Aber sein Ich-Bezug hatte nichts mit jener Egomanie zu tun, zu der heutzutage insbesondere so manche Esoterik-Autoren aufstacheln. Bei Kolle ging es nämlich neben aller Sexualität immer auch um Liebe – und zwar nicht lediglich um die Liebe zu sich selbst, sondern um die zum Partner. „All die Bücher, die es damals über Liebe gegeben hatte,“ erinnert sich der Autor, „haben die Sexualität doch einfach ausgespart.“
Männer im Kino verführt
Was er vor Jahrzehnten zu sagen hatte, vermittelte er mit Büchern, Zweitschriftenserien und Filmen wie „Das Wunder der Liebe“ und „Sexualität in der Partnerschaft“. Seine Filme waren ihm wichtig, weil er mit ihnen etwas schaffte, was ihm mit seinen Büchern nicht gelang. Er wollte, dass nicht nur Frauen sondern auch Männer sie lesen lesen. Die taten es aber nicht – auch dann nicht, wenn ihre Frauen sie dazu animierten.
Oswalt Kolle erinnert sich an die Fragen, mit denen Männer ihren Frauen antworteten: „Wieso? Ist etwas falsch? Hast du Kritik an mir? Bin ich nicht gut im Bett? Was brauche ich den Kolle?“ Aber in seine Filme hätten die Frauen ihre Männer mitnehmen können. Und endlich hätten Frauen – trotz aller Verklemmung – anhand der Bilder zu ihren Männern sagen können: „Mir geht es genauso wie der Frau dort oben auf der Leinwand. Das ist auch mein Problem. Du bist zu schnell, zu wenig zärtlich.“
“Wenn solche schweinischen Ausdrücke…”
Kolle war es, der in den Sechzigerjahren als Redakteur der Zeitschrift „Quick“ die Serie „Dein Kind das unbekannte Wesen“ schrieb. Im Interview erzählt er, was er damit angerichtet hatte. Er habe dafür plädiert, im Rahmen der sexuellen Aufklärung von Kindern die Geschlechtsorgane richtig zu benennen und sie nicht mit „dummen Ersatzwörtern“ wie „Schnullerchen“ und so weiter zu belegen.
Er schrieb in der „Quick“, man solle endlich Penis und Glied und Scheide und Vagina sagen. „Der Erfolg war, dass der damalige Bundesfamilienminister Franz-Josef Wuermeling von der CDU einen Brief an den Chefredakteur der „Quick“ schrieb. Darin habe gestanden: „Wenn solche schweinischen Ausdrücke wie Penis und Glied noch einmal in der Quick erscheinen, dann werde ich persönlich für ein Verbot der Quick sorgen.“
Das aktuelle Schweigen
Derartige Bandagen wirken heute lächerlich. Aber ist die Gesellschaft inzwischen freier geworden? In wesentlichen Bereichen nicht, meint Kolle, denn in den Ehen herrsche zum Teil immer noch ein Schweigen über Sexualität. „Wir reden heute zwar öffentlich sehr viel über Sexualität, aber wenn wir genau hinschauen, dann sehen wir, dass Paare untereinander immer noch zu wenig darüber reden, was sie eigentlich wollen und nicht wollen.“
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