Ein Weg aus dem dunklen Loch
Gestern erzählte mir eine Frau mit traurigem
Lächeln, sie sei aus ihrem Job gemobbt worden.
Eine andere gesteht mir, der Restbestand ihrer
Ehe werde in diesen Tagen „beseitigt“. Erlebnisse,
die wie Kinnhaken wirken, aber keine dieser beiden
Frauen liegt K.o. auf dem Boden ihrer platt machenden
Tatsachen. Wie kommt das?
Es gibt mindestens zwei Erklärungen
Für solches Stehvermögen sehe ich mindestens zwei Erklärungen. Die erste ist eine wissenschaftliche. Ich fand sie im Magazin „emotion“. Dort schreibt Gerald Hüther, einer der führenden Hirnforscher unserer Zeit und Professor an den Universitäten Göttingen und Mannheim/Heidelberg, über die Zuversicht.
Er sagt, es bringe nichts, einem Niedergeschlagenen zu sagen, er solle nicht den Kopf hängen lassen oder ihm zu raten „Sei doch mal ein bisschen zuversichtlich!“. Als Wissenschaftler kann er nicht anders, als sich das menschliche Gehirn vor Augen zu führen. Er spricht von den „Frontallappen des Gehirns“ in denen die Zuversicht verankert sei. Hüther sagt, Zuversicht entstehe durch die Summe der Erfahrungen, die ein Mensch gemacht habe. Und das heiße: „Zuversichtlich kann nur jemand sein, dem bislang besonders viel besonders gut gelungen ist.“ Solche Menschen glaubten daran, ihr Schicksal in der Hand zu haben, und dieser Glaube sei eine Grundvoraussetzung, um Zuversicht zu entwickeln.
Wenn die eigenen Qualitäten nicht mehr sichtbar sind
Der Hirnforscher weiß, was niedergeschlagene Menschen brauchen: „Es sind eigene Erfahrungen, die ihnen helfen, ihr verlorengegangenes Vertrauen wiederzufinden.
Das klingt nachvollziehbar. Aber was sollen Menschen tun, die nach lauter Tiefschlägen so tief im Loch sitzen, dass sie vor lauter Dunkelheit nicht mehr erkennen, was gut, was besonders an ihnen ist und was sie bereits geleistet haben?
Das Faszinierende hervorholen. Jeder hat es.
Dazu fällt mir etwas recht Unwissenschaftliches ein: Wenn es stimmt, was Gerald Hüther sagt, dann sind wir gefordert. Und zwar alle. Das heißt, wenn Elfriede in einem Loch sitzt, aus dem sie allein nicht herausfindet, kann Egon ihr eine Leiter hineinstellen. Solch eine Rettungsaktion verlangt kaum Kraftaufwand. Klar, dass Egon wenig Lust hat, Elfriede entgegenzukommen, wenn die seit Tagen mit einem Gesicht herumläuft, das alle Attraktivität verloren hat. Aber Egon erinnert sich an andere Zeiten. Und wenn er das tut, fällt ihm ein, womit Elfriede ihn in diesen Zeiten fasziniert und verzaubert hat.
Er sollte es ihr sagen. Dann fällt’s auch ihr wieder ein. Und dann kann geschehen, was der Professor prognostiziert: „Dass die Empfindung entsteht, die in schwierigen Zeiten wichtiger ist als alles andere: Zuversicht.“
Foto:Mamus/Quelle: PHOTOCASE
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